Housing First Berlin erreicht 350 Mietverträge

Backsteinfassade eines Berliner Wohnhauses mit zwei Balkonen und einem Fahrrad davor.
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Berlin meldet einen weiteren Meilenstein im Kampf gegen Wohnungs- und Obdachlosigkeit: Am 9. September 2026 hat das Projekt Housing First Queer den insgesamt 350. Mietvertrag der Berliner Housing-First-Projekte vermittelt. Seit dem Start des Ansatzes im Jahr 2018 erhielten damit mehr als 420 Menschen ein eigenes Zuhause. Dass die Zahl der untergebrachten Personen höher ist als die Zahl der Verträge, erklärt sich unter anderem dadurch, dass zu den unterstützten Haushalten auch Familien und andere Mehrpersonenhaushalte gehören.

Hinter der runden Zahl stehen Menschen, die zuvor ohne eigene Wohnung lebten und häufig von mehreren Belastungen zugleich betroffen waren. Ein unbefristeter Mietvertrag schafft für sie nicht nur Schutz vor Witterung und Gewalt. Eine eigene Adresse, ein abschließbarer privater Raum und ein dauerhaftes Wohnverhältnis sind oft auch Voraussetzungen dafür, gesundheitliche Probleme anzugehen, Sozialleistungen zu regeln, Arbeit aufzunehmen oder familiäre Beziehungen zu stabilisieren.

Zuerst die Wohnung, dann die weitere Unterstützung

Housing First kehrt die Reihenfolge vieler klassischer Hilfsangebote um. Wohnungslose Menschen müssen nicht zunächst verschiedene Stufen eines Hilfesystems durchlaufen, bevor sie als bereit für eine eigene Wohnung gelten. Stattdessen steht der Mietvertrag am Anfang. Beratung und weitere Unterstützung werden anschließend an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtet.

Damit richtet sich das Angebot insbesondere an Menschen, die von herkömmlichen Hilfestrukturen nicht oder nicht mehr ausreichend erreicht werden. Notunterkünfte und betreute Übergangsangebote können akute Gefahren abwenden, bieten aber häufig nicht die Stabilität und Selbstbestimmung eines eigenen, dauerhaften Zuhauses. Housing First behandelt Wohnen deshalb nicht als Belohnung am Ende eines erfolgreichen Hilfeprozesses, sondern als Grundlage dafür, dass ein solcher Prozess überhaupt gelingen kann.

Die Teilnahme an Beratung und Unterstützung orientiert sich an der jeweiligen Lebenssituation. Entscheidend ist, dass der Zugang zur Wohnung nicht an vorgelagerte Bedingungen geknüpft wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass mit der Schlüsselübergabe jede Schwierigkeit gelöst wäre. Viele Teilnehmende benötigen weiterhin Begleitung, etwa bei Behördenangelegenheiten, gesundheitlichen Fragen, finanziellen Problemen oder Konflikten im Alltag. Die praktische Arbeit der Projekte reicht daher deutlich über die reine Wohnungsvermittlung hinaus.

Mehr als 90 Prozent bleiben in ihrer Wohnung

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung bleiben mehr als 90 Prozent der über Housing First vermittelten Menschen langfristig in ihrer Wohnung. Diese Quote ist für die Bewertung des Programms besonders wichtig. Sie zeigt, dass auch Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf ein reguläres Mietverhältnis dauerhaft führen können, wenn ihnen geeigneter Wohnraum und eine verlässliche Begleitung zur Verfügung stehen.

Die Zahl von 350 Mietverträgen ist deshalb mehr als eine Vermittlungsstatistik. Jeder langfristig gesicherte Haushalt kann wiederkehrende Aufenthalte in Notunterkünften, Einrichtungen oder auf der Straße vermeiden. Für die Betroffenen bedeutet dies mehr Sicherheit und Eigenständigkeit. Für die Stadt kann eine stabile Wohnsituation zugleich dazu beitragen, stark belastete Hilfesysteme zu entlasten und Unterstützungsleistungen gezielter einzusetzen.

Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe bezeichnet Housing First als „Berliner Erfolgsgeschichte“. Die 350 Mietverträge stünden für ebenso viele Haushalte, die eine neue Chance auf ein selbstbestimmtes Leben erhalten hätten. Zugleich dankte sie den sechs beteiligten Projekten, deren Mitarbeitenden und den Vermietenden, die Wohnungen zur Verfügung stellen.

Sechs Projekte für unterschiedliche Lebenslagen

Berlin verfolgt Housing First nicht mit einem einzigen, einheitlichen Angebot. Sechs Projekte wenden sich an verschiedene Gruppen wohnungs- und obdachloser Menschen. Dazu gehören Frauen, queere Menschen, Familien, Bürgerinnen und Bürger anderer EU-Staaten sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen oder Suchterkrankungen.

Dass ausgerechnet Housing First Queer den 350. Mietvertrag vermittelt hat, verweist auf die Bedeutung zielgruppenspezifischer Angebote. Queere Menschen können in der Wohnungslosigkeit zusätzlichen Risiken ausgesetzt sein, etwa Diskriminierung, Ausgrenzung oder Gewalt. Spezialisierte Projekte können solche Erfahrungen bei der Beratung und Begleitung berücksichtigen. Ähnliches gilt für Frauen, Familien oder Menschen, deren Zugang zu regulären Unterstützungsangeboten durch gesundheitliche, soziale oder rechtliche Hürden erschwert wird.

Die differenzierte Ausrichtung ist für eine Großstadt wie Berlin bedeutsam. Wohnungslosigkeit hat nicht nur eine Ursache und betrifft keine einheitliche Gruppe. Steigende Wohnkosten, der Verlust einer Arbeitsstelle, Trennung, Krankheit, Schulden, familiäre Konflikte oder fehlende soziale Netzwerke können sich gegenseitig verstärken. Ein Hilfesystem, das auf unterschiedliche Lebenslagen reagieren soll, benötigt daher sowohl allgemeine Angebote als auch spezialisierte Fachkenntnisse.

Der angespannte Wohnungsmarkt bleibt das Nadelöhr

Die hohe Quote stabiler Mietverhältnisse belegt die Wirksamkeit des Ansatzes für die erreichten Haushalte. Sie darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass 350 vermittelte Verträge seit 2018 angesichts des sichtbaren Ausmaßes von Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Berlin nur einen begrenzten Teil des Bedarfs abdecken können. Housing First kann nur wachsen, wenn tatsächlich bezahlbare Wohnungen zur Verfügung stehen.

Damit hängt der weitere Erfolg nicht allein von Sozialarbeit und öffentlicher Finanzierung ab. Er ist ebenso auf die Bereitschaft privater und öffentlicher Vermietender angewiesen, geeigneten Wohnraum bereitzustellen. In einem Markt mit hoher Nachfrage konkurrieren die Projekte mit zahlreichen anderen Wohnungssuchenden. Gerade kleine und günstige Wohnungen, die für viele alleinstehende Teilnehmende geeignet wären, sind knapp.

Für Berlin ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Die Stadt muss individuelle Hilfen für bereits wohnungslose Menschen ausbauen und gleichzeitig verhindern, dass weitere Haushalte ihre Wohnung verlieren. Housing First ist ein Instrument für Menschen in besonders schwierigen Situationen, ersetzt aber weder den Bau bezahlbarer Wohnungen noch Mietschuldenberatung, Prävention von Räumungen und eine leistungsfähige Wohnungsnotfallhilfe.

Mehr als 30 Millionen Euro für die Wohnungsnotfallhilfe

Das Land Berlin stellt 2026 insgesamt mehr als 30 Millionen Euro für Maßnahmen der Wohnungsnotfallhilfe bereit. Dabei handelt es sich um den Gesamtbetrag für diesen Hilfebereich und nicht ausschließlich um die Finanzierung der sechs Housing-First-Projekte. Nach Darstellung der Sozialverwaltung konnten Kürzungen bei Housing First trotz der angespannten Haushaltslage vermieden werden.

Langfristig soll die Finanzierung auf eine stabilere Grundlage gestellt werden. Die Senatsverwaltung arbeitet nach eigenen Angaben daran, Housing First aus der bisherigen Zuwendungsfinanzierung in eine Regelfinanzierung zu überführen. Eine solche Umstellung könnte den Trägern mehr Planungssicherheit geben. Projekte, die mit langfristigen Mietverhältnissen und kontinuierlicher sozialer Begleitung arbeiten, sind darauf angewiesen, Personal und Unterstützungsstrukturen über einzelne Förderzeiträume hinaus verlässlich vorhalten zu können.

Bislang ist die Überführung in eine Regelfinanzierung allerdings eine erklärte Perspektive. Entscheidend wird sein, wie sie konkret ausgestaltet und finanziell abgesichert wird. Für die Betroffenen ist Kontinuität besonders wichtig: Wer nach langer Wohnungslosigkeit wieder Vertrauen in feste Strukturen entwickeln soll, benötigt verlässliche Ansprechstellen und darf nicht von kurzfristigen Projektlaufzeiten abhängig sein.

Was der Meilenstein für Berlin bedeutet

Der 350. Mietvertrag zeigt, dass ein konsequent auf dauerhaftes Wohnen ausgerichteter Ansatz auch bei Menschen funktioniert, die in klassischen Hilfesystemen häufig als schwer erreichbar gelten. Die langfristige Stabilität von mehr als 90 Prozent der vermittelten Mietverhältnisse spricht dafür, Housing First als festen Bestandteil der Berliner Wohnungslosenhilfe weiterzuentwickeln.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt hat das Thema eine unmittelbare gesellschaftliche Bedeutung. Obdachlosigkeit ist im öffentlichen Raum sichtbar, ihre Ursachen und Folgen reichen jedoch weit darüber hinaus. Eine eigene Wohnung kann Menschen wieder Zugang zu grundlegender Sicherheit, Privatsphäre und gesellschaftlicher Teilhabe eröffnen. Gleichzeitig profitieren Nachbarschaften und soziale Einrichtungen, wenn Notlagen nicht nur kurzfristig verwaltet, sondern dauerhaft überwunden werden.

Der Meilenstein ist daher Erfolg und Auftrag zugleich. Er belegt, dass das Modell tragfähige Mietverhältnisse schaffen kann. Er macht aber auch deutlich, wie stark seine Reichweite von verfügbaren Wohnungen, ausreichender Finanzierung und langfristiger politischer Unterstützung abhängt. Soll Housing First mehr als ein erfolgreiches Angebot für vergleichsweise wenige Haushalte bleiben, muss Berlin sowohl die spezialisierten Projekte absichern als auch deutlich mehr bezahlbaren Wohnraum mobilisieren.