Junge Stimmen gegen Antisemitismus in Berlin
Eine Ausstellung in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie verbindet die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden mit den Sichtweisen junger Menschen aus Treptow-Köpenick. Vom 16. September bis 15. Oktober 2026 werden in der Bernhard-Weiß-Straße Arbeiten von Schülerinnen und Schülern gemeinsam mit Porträts des Fotografen Luigi Toscano gezeigt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Ausgrenzung, Antisemitismus und die Verbrechen der Vergangenheit wiederkehren.
Jugendliche setzen sich mit Geschichte auseinander
An dem Projekt beteiligen sich Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen aus Treptow-Köpenick. Sie haben sich mit dem Holocaust, persönlichen Lebensgeschichten, heutigen Formen der Ausgrenzung und der Bedeutung demokratischer Werte beschäftigt. Ihre Arbeiten sollen nicht nur historische Kenntnisse vermitteln, sondern zeigen, welche Gedanken und Fragen die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bei jungen Menschen auslöst.
Die Ausstellung stellt diese Perspektiven neben Porträts von Überlebenden des Holocaust. Dadurch treffen dokumentierte Lebensgeschichten auf eine Generation, die keine eigenen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus haben kann. Gerade diese Verbindung macht deutlich, dass Erinnerungskultur nicht allein im Rückblick besteht. Sie muss immer wieder neu vermittelt, diskutiert und in einen Bezug zur Gegenwart gesetzt werden.
Zum Projekt gehören sogenannte Schulhofgespräche mit Luigi Toscano. Der Fotograf spricht dabei mit Jugendlichen über den Holocaust, über Diskriminierung und über Erfahrungen von Ausgrenzung. Zugleich geht es um die Frage, wie Demokratie im Alltag geschützt werden kann. Das Gesprächsformat setzt weniger auf einen klassischen Vortrag als auf den direkten Austausch und ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern, eigene Beobachtungen, Unsicherheiten und Positionen einzubringen.
Porträts von mehr als 600 Überlebenden
Luigi Toscano hat für sein internationales Erinnerungsprojekt „Gegen das Vergessen“ mehr als 600 Menschen porträtiert, die den Holocaust überlebt haben. Die großformatigen Fotografien wurden bereits an zahlreichen öffentlichen Orten gezeigt. Sie geben den Überlebenden ein individuelles Gesicht und stellen ihre Biografien in den Mittelpunkt, statt die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen lediglich als anonyme historische Zahl wahrzunehmen.
Im Jahr 2021 ernannte die UNESCO Toscano als ersten Fotografen zum „Artist for Peace“. Die Auszeichnung würdigt Künstlerinnen und Künstler, die sich mit ihrer Arbeit für Verständigung, Frieden und Menschenrechte einsetzen. Toscanos Porträts sind dabei nicht nur fotografische Dokumente. Sie werden zu Ausgangspunkten für Gespräche darüber, wie persönliche Erinnerungen bewahrt werden können, wenn immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen selbst über ihre Erfahrungen berichten können.
Präsentation mit Gespräch, Musik und Rap
Die Ausstellung wird am Mittwoch, 16. September 2026, von 12.30 bis 13.30 Uhr in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie präsentiert. Veranstaltungsort ist das Foyer in der dritten Etage des Gebäudes an der Bernhard-Weiß-Straße 6 in Mitte.
Die Moderation übernimmt Mika Richter, Schülersprecher der Schule an der Dahme. Vorgesehen sind eine Begrüßung durch den Staatssekretär für Jugend und Familie, Falko Liecke, sowie ein Grußwort von Brit Bonin, Leiterin der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Treptow-Köpenick. Ein Schulhofgespräch mit Luigi Toscano bildet den inhaltlichen Schwerpunkt. Eine Schülerin begleitet die Veranstaltung musikalisch auf dem Cello. Außerdem wird ein Rap-Song präsentiert, der im Verlauf des Projekts entstanden ist.
Die künstlerischen Beiträge verdeutlichen, dass historisch-politische Bildung unterschiedliche Ausdrucksformen annehmen kann. Musik, Fotografie und Gespräch eröffnen andere Zugänge als der Unterricht mit Lehrbuch und Quellenmaterial. Besonders für Jugendliche kann es hilfreich sein, eigene Texte, Bilder oder Kompositionen zu entwickeln und damit eine persönliche Haltung zu formulieren.
Aus dem Jugendgewaltgipfel hervorgegangen
Das Vorhaben wurde 2025 von der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Treptow-Köpenick initiiert und ist eine Maßnahme des Berliner Jugendgewaltgipfels. Damit steht die Ausstellung in einem größeren Zusammenhang: Prävention soll nicht erst dort beginnen, wo Gewalt bereits ausgeübt wird. Sie umfasst auch die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Mechanismen der Ausgrenzung.
Der Ansatz verbindet Jugendhilfe, Schule, politische Bildung und Kultur. Diese Zusammenarbeit ist für Berlin von besonderer Bedeutung, weil junge Menschen in einer Stadt aufwachsen, in der sehr unterschiedliche soziale, religiöse und kulturelle Erfahrungen aufeinandertreffen. Daraus entstehen Chancen für Austausch und Vielfalt, zugleich aber auch Konflikte. Projekte wie dieses können geschützte Räume schaffen, in denen schwierige Themen angesprochen werden, ohne sie zu vereinfachen.
Warum das Projekt für Berlin wichtig ist
Berlin trägt als ehemalige Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschen Reiches eine besondere historische Verantwortung. Zahlreiche Gedenkstätten, Museen und Erinnerungsorte dokumentieren die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Dennoch bleibt Erinnerungskultur nur dann wirksam, wenn sie nicht ausschließlich an festen Gedenktagen oder historischen Orten stattfindet, sondern Teil des gesellschaftlichen Alltags ist.
Die Beteiligung von Schulen aus Treptow-Köpenick zeigt zudem, dass Erinnerungsarbeit nicht allein im Zentrum Berlins verankert ist. Sie beginnt in Bezirken, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen. Mit der Präsentation in der Senatsverwaltung gelangen die Ergebnisse aus einem lokalen Projekt an einen Ort der Berliner Landespolitik. Die Perspektiven der Jugendlichen werden damit über ihren unmittelbaren Schulalltag hinaus sichtbar.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt bietet die Ausstellung Gelegenheit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche Verantwortung aus der Geschichte für die Gegenwart folgt. Antisemitismus und Diskriminierung sind nicht nur Themen für Schulen oder Fachstellen, sondern betreffen das Zusammenleben in der gesamten Stadt. Die Ausstellung kann diese Probleme nicht lösen, sie kann aber Wissen vermitteln, Gespräche anstoßen und junge Menschen darin bestärken, Ausgrenzung zu erkennen und ihr zu widersprechen.
Kostenfreier Besuch bis Mitte Oktober
Die Ausstellung ist vom 16. September bis einschließlich 15. Oktober 2026 kostenfrei zugänglich. Besucht werden kann sie montags bis freitags während der Öffnungszeiten der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in der Bernhard-Weiß-Straße 6, 10178 Berlin. Die Präsentation befindet sich in der dritten Etage im Foyer vor den Aufzügen. Aktuelle Hinweise zum Zugang und zu den Öffnungszeiten sind bei der Senatsverwaltung erhältlich.
