Berlin muss widerstandsfähiger werden

Erste-Hilfe-Station während des Stromausfalls in Berlin
Krisenvorsorge beginnt lange vor dem Ernstfall. Eine widerstandsfähige Stadt braucht funktionierende Hilfsstrukturen, klare Zuständigkeiten und Menschen, die wissen, was zu tun ist. (Foto von Alexander Shelegov auf iStockPhoto)

Eine starke Stadt erkennt man nicht daran, dass nichts passiert. Man erkennt sie daran, wie gut sie vorbereitet ist, wenn etwas passiert.

Berlin hat in den vergangenen Jahren erlebt, wie schnell vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten können. Eine Pandemie, extreme Wetterlagen, Stromausfälle oder Störungen wichtiger Infrastrukturen zeigen: Krisenvorsorge ist keine Aufgabe für einige wenige Fachleute. Sie betrifft Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung gleichermaßen.

Wenn ich für Berlins Resilienz verantwortlich wäre, würde ich die Widerstandsfähigkeit unserer Stadt deshalb zu einer zentralen politischen Aufgabe machen.

Resilienz beginnt vor der Krise

Resilienz bedeutet, Störungen auszuhalten, handlungsfähig zu bleiben und sich möglichst schnell zu erholen. Das klingt zunächst technisch, betrifft aber unmittelbar unseren Alltag: Funktioniert die Kommunikation bei einem Stromausfall? Können Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Verwaltungen weiterarbeiten? Wissen die Menschen, wo sie Hilfe und verlässliche Informationen erhalten?

Berlin verfügt bereits über viele Erkenntnisse und Empfehlungen. Der Bericht der Expertenkommission zur Verbesserung der Resilienz muss deshalb nicht erneut diskutiert, sondern Punkt für Punkt umgesetzt werden.

Dazu gehört beispielsweise ein Chief Resilience Officer, der den Zustand und die Widerstandsfähigkeit der Stadt kontinuierlich im Blick behält. Ebenso brauchen wir sogenannte Kiezboxen, über die in Notlagen auch dann kommuniziert werden kann, wenn Strom, Mobilfunk oder Internet ausfallen.

Kurzfristig sollte Berlin kritische Störungen von bis zu drei Tagen bewältigen können. Mittelfristig müssen wir in der Lage sein, zehn Tage handlungsfähig zu bleiben. Dafür braucht es Investitionen, klare Zuständigkeiten und politischen Durchsetzungswillen. Resilienz ist selten ein populäres Thema. Ihr Nutzen zeigt sich aber nicht erst bei einer Katastrophe, sondern bereits im täglichen Funktionieren der Stadt.

Sicherheit ist mehr als Gefahrenabwehr

Eine resiliente Stadt ist auch eine lebenswerte Stadt. Menschen sollen sich in Berlin wohl und sicher fühlen: zu Hause, unterwegs, am Arbeitsplatz und in ihrer Freizeit.

Zwei Grundpfeiler dafür sind Ordnung und Sauberkeit. Es reicht nicht, Sperrmüll am Straßenrand oder illegal entsorgten Abfall allein mit Bußgeldern zu bekämpfen. Solches Verhalten muss gesellschaftlich wieder als das wahrgenommen werden, was es ist: rücksichtslos gegenüber der Gemeinschaft.

Die Grundlage dafür wird in den Familien gelegt und muss in Schulen und in der Ausbildung weitergeführt werden. Resilienz ist deshalb nicht allein eine staatliche Aufgabe. Auch die Menschen in Berlin tragen Verantwortung für ihre Stadt.

Wohnen, Bildung und Mobilität zusammendenken

Widerstandsfähigkeit zeigt sich ebenso in der Art, wie Berlin mit seinen Flächen und Gebäuden umgeht.

Bezahlbares Wohnen braucht mehr verfügbaren Wohnraum. Bevor zusätzliche Flächen versiegelt werden, sollte vorhandener Leerstand konsequent genutzt werden. Gebäude müssen schneller umgebaut und anderen Nutzungen zugeführt werden können. Brandschutz, Denkmalschutz und Naturschutz bleiben wichtig. Sie dürfen aber nicht dazu führen, dass sinnvolle Lösungen für zusätzlichen Wohnraum grundsätzlich verhindert werden.

Auch Bildung ist ein entscheidender Bestandteil einer resilienten Stadt. Berlin braucht gut geführte Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Universitäten sowie eine starke berufliche Ausbildung. Zur Bildung sollte künftig auch gehören, wie Menschen mit Krisen und Störungen umgehen und selbst Vorsorge treffen können.

Innerhalb des S-Bahnrings sollte der öffentliche Verkehr so leistungsfähig und zuverlässig sein, dass ein privates Auto für den Alltag weitgehend überflüssig wird. Dafür braucht es keine pauschalen Verbote, sondern ein besseres Angebot. Zusätzliche Grünflächen und weniger versiegelte Flächen helfen zugleich beim Hitze- und Klimaschutz.

Zusammenhalt ist Teil der Vorsorge

Berlin besitzt eine große Tradition in Sport und Kultur. Vereine, Initiativen und kulturelle Einrichtungen schaffen Begegnung, Zugehörigkeit und Vertrauen. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch zur Resilienz.

Denn in einer Krise entscheidet nicht nur die technische Ausstattung. Ebenso wichtig ist, ob Menschen einander kennen, Verantwortung übernehmen und bereit sind, sich gegenseitig zu helfen.

Forschung muss in der Praxis ankommen

Berlin verfügt über eine außergewöhnliche Dichte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Entscheidend ist jedoch, dass aus Forschungsergebnissen schneller praktische Anwendungen und Prototypen entstehen.

Resilienz ist eine systemische Querschnittsaufgabe. Sie verbindet soziale, technische und naturwissenschaftliche Fragen. Neben langfristigen Forschungsprojekten brauchen wir deshalb auch Ideenwettbewerbe und andere Formate, aus denen kurzfristig kreative und praktisch nutzbare Lösungen entstehen können.

Berlin kann ein europäisches Zentrum für praxisnahe Forschung, Entwicklung und Innovation werden. Dafür müssen Wissenschaft, Verwaltung, Hilfsorganisationen und Wirtschaft enger zusammenarbeiten.

Vorbereitung ist eine Investition

Berlin wird nie vor jeder Störung geschützt sein. Absolute Sicherheit gibt es nicht. Eine verantwortungsvolle Stadt bereitet sich dennoch auf das Vorhersehbare vor und schafft Strukturen für das Unvorhersehbare.

Das erfordert Geld, Zeit und politische Beharrlichkeit. Doch Vorbereitungen auf große und kleine Störungen sind keine verlorenen Ausgaben. Sie sind Investitionen in die Gegenwart und in die Zukunft.

Eine starke Stadt erkennt man nicht daran, dass sie von Störungen verschont bleibt, sondern daran, wie gut sie vorbereitet ist und wie professionell sie im Ernstfall handelt.

Berlin kann und muss diese Stärke entwickeln.