Berlin braucht Vertrauen in die Wissenschaft
Vor wenigen Wochen, kurz vor der heißen Phase des Wahlkampfs, hat der Berliner Senat eine „Forschungspolitische Strategie für Berlin“ beschlossen: ein 31 Seiten starkes Papier, das veröffentlicht wurde mit der Aussage „Damit gibt sich das Land Berlin erstmals einen verbindlichen Handlungsrahmen für seine Forschungspolitik mit einem Zeithorizont bis 2040 – mit klarer Vision, strategischen Schwerpunkten und konkreten Zielen.“
Das ist ein großer Anspruch. Damit der eingelöst werden kann, ist noch viel zu tun. Kaum etwas an dem Papier ist verbindlich, die strategischen Ansätze sind finanziell nicht unterlegt.
Stark ist aber die Titelseite, die in Großbuchstaben verkündet: „BERLINS FORSCHUNG, BERLINS ZUKUNFT“.
Damit empfiehlt sich das wissenschaftspolitische Papier ausgezeichnet zur Verwendung als Poster. Immerhin gibt es das Motiv in elegantem Dunkelblau, in Weiß und auch auf Englisch – auch wenn dort die Apostrophe falsch gesetzt sind.
Und in der Tat hat Berlin vor ein paar Jahren ja schon Werbung gemacht mit „Vier der besten Universitäten in Deutschland. Fünf, wenn man die Straße mitzählt.“
Aber was folgt daraus? Weiß Berlin eigentlich, weiß die Berliner Politik, dass BERLINS FORSCHUNG tatsächlich BERLINS ZUKUNFT ist?
Berlins Aufstieg begann mit der Wissenschaft
Dazu lohnt zunächst ein Blick in die Vergangenheit! Die Größe und der Reichtum der Großstadt Berlin basieren ganz entscheidend auf den Leistungen aus der Wissenschaft, von Forschung und Technologie – und damit auf Investitionen in die Forschung. Ende des 19. Jahrhunderts lief die Industrialisierung in England auf Hochtouren. Großbritannien hatte Deutschland erst einmal abgehängt … bis dann Deutschland mit massiven Investitionen in die Forschung, in die Wissenschaft, in die Universitäten und in die außeruniversitäre Forschung an die Weltspitze kam. Ab 1911 wurde in Dahlem das „Deutsche Oxford“ mit seinen Kaiser-Wilhelm-Instituten entwickelt, Berlin und Göttingen und Heidelberg definierten die Weltspitze der Wissenschaften und wurden jedes Jahr wieder mit Nobelpreisen bedacht: in Physik, in Chemie und in Medizin.
Und gleichzeitig blühten und profitierten die Berliner Firmen: Siemens hat seine Wurzeln in der 1847 in Berlin gegründeten Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske, die Deutsche Bank war am 10. März 1870 in Berlin durch „Allerhöchsten Erlass Sr. Majestät des Königs von Preussen“ gegründet worden, die Allianz-Versicherung wurde zwar 1889 in München formell gegründet, hat ihre Geschäftstätigkeit 1890 aber in Berlin aufgenommen, und die Deutsche Lufthansa wurde 1926 in Berlin als „Deutsche Luft Hansa Aktiengesellschaft“ durch die Fusion von Junkers Luftverkehr und Deutscher Aero Lloyd gegründet – der erste reguläre Linienflug fand vor 100 Jahren, am 6. April 1926, vom Flughafen Berlin-Tempelhof nach Zürich statt. Der erste Computer wurde in Berlin gebaut, von Konrad Zuse, der heute noch dem Zuse-Institut Berlin (ZIB) den Namen und die Richtung gibt. Das Entstehen von Weltklasse-Forschung, Weltklasse-Technologieentwicklung und Weltmarken-Unternehmen ging damals Hand in Hand. Dafür stand Forschung aus Berlin.
Eine der größten Stärken dieser Stadt
Auch 2026 gilt: Die Wissenschaft gehört zu den größten Stärken dieser Stadt. Das kann man an Zahlen ablesen: Berlin hat rund 200.000 Studierende und vier erstklassige Universitäten. Die Freie Universität Berlin ist nach dem QS-Ranking 2027 eine der 100 besten Universitäten der Welt, die Berlin University Alliance ist der bisher einzige Exzellenzverbund in Deutschland und weltweit einzigartig, und unter der Marke BR50 versammeln sich weit mehr als 50 Weltklasse-Forschungsinstitute. Diese Einrichtungen leisten wesentliche Beiträge zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit: des Klimawandels und von Pandemien – der erste Corona-Test kam von der Charité –, ebenso zur globalen Ernährungssicherheit, zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz sowie zu Fragen von Krieg und Frieden, Demokratie und Freiheit.
Das besondere Potenzial von Berlin entfaltet sich nicht an einer einzelnen Universität oder an einem besonderen Forschungsinstitut, sondern in der Zusammenarbeit. Und das gilt für die Wissenschaft an den Universitäten und Instituten; es gilt für den Transfer in Start-ups und in die Wirtschaft, der unter anderem von Science & Startups und der neuen Transferplattform JUNI gebündelt und gefördert wird.
Genau darin liegt Berlins Potenzial. Darauf kann die Stadt stolz sein.
Vertrauen statt neuer Bürokratie
Die Politik sollte das unterstützen. Sie muss die Finanzierung der Wissenschaft sicherstellen, statt wie in der letzten Finanzkürzungsrunde die Verträge zu brechen und überproportional in der Wissenschaft zu kürzen! Und die Politik darf der Wissenschaft nicht noch mehr Bürokratie aufbürden – Tendenzen dazu finden sich leider auch in der neuen „Forschungspolitischen Strategie“ des Berliner Senats. Die Politik sollte stattdessen Vertrauen in die Wissenschaft beweisen: durch die Stärkung der Hochschulautonomie und die notwendige Finanzierung der Infrastrukturen für Forschung, Lehre und Transfer – und damit der Zukunftsfähigkeit der Wissenschaftslandschaft. Dann wird sich zeigen: BERLINS FORSCHUNG, BERLINS ZUKUNFT!
