Die Tür geht um 7:45 Uhr auf

Backsteinfassade der Lietzensee-Grundschule in Berlin-Charlottenburg mit den historischen Schriftzügen „Knaben-Schule“ und „Mädchen-Schule“.
Die Lietzensee-Grundschule in Berlin-Charlottenburg wurde 1903/04 als Doppelschule für Jungen und Mädchen errichtet – und ist bis heute ein Ort, an dem Berliner Geschichte sichtbar bleibt. (Foto von Roman Kaupert)

Dass die Sommerferien vorbei sind, merkt man als Vater eines schulpflichtigen Kindes ziemlich zuverlässig. Der Kalender füllt sich wieder, die Abendtermine kehren zurück, und morgens bekommt das Leben plötzlich wieder eine erstaunlich genaue Taktung.

Für unsere große Tochter begann am vergangenen Wochenende ein ganz neuer Lebensabschnitt: Einschulung.

Am Montag durfte ich sie zum ersten Mal zum Unterricht bringen. Wir waren bereits um 7:30 Uhr vor der Schule. Anfängerfehler. Die Türen öffnen erst um 7:45 Uhr.

Also standen wir da.

Eine Viertelstunde kann ziemlich lang sein, wenn man sechs Jahre alt ist und endlich hineinmöchte. Für den Vater dagegen war es Zeit, den Blick schweifen zu lassen. Und dabei fiel mir wieder auf, wie viel Geschichte manchmal an einem einzigen Berliner Straßenabschnitt zusammenkommt.

Zwei Schulen unter einem Dach

Das Gebäude der heutigen Lietzensee-Grundschule wurde 1903/04 als Doppelschule errichtet: die 21. Gemeindeschule für Jungen und die 22. Gemeindeschule für Mädchen. Die historischen Schriftzüge „Knaben-Schule“ und „Mädchen-Schule“ sind bis heute an der Fassade zu lesen.

Kinder gingen durch unterschiedliche Eingänge und lernten getrennt voneinander.

Gut hundert Jahre später steht meine Tochter davor und wartet darauf, dass endlich die Tür aufgeht.

Es sind solche kleinen Momente, in denen einem auffällt, wie grundlegend sich unsere Vorstellungen von Gesellschaft verändert haben. Geschlechtergetrennter Unterricht erscheint uns heute aus der Zeit gefallen. Ebenso die Vorstellung, Kinder körperlich zu züchtigen oder ihnen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihres Geschlechts unterschiedliche Chancen einzuräumen.

Man könnte sich zufrieden zurücklehnen und sagen: Zum Glück sind diese Zeiten vorbei.

Doch direkt gegenüber der Schule steht ein Gebäude, das daran erinnert, dass Geschichte niemals so bequem ist.

Auf der anderen Straßenseite

Dort befand sich von 1936 bis 1943 das Reichskriegsgericht, die höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz. Mehr als 260 Kriegsdienstverweigerer und zahlreiche Frauen und Männer des Widerstands wurden hier zum Tode verurteilt.

Heute sind in dem monumentalen Gebäude herrschaftliche Wohnungen entstanden. Hinter der wuchtigen historischen Fassade wird heute komfortabel gewohnt. An das, was hier einst geschah, erinnert vor dem Haus nur eine vergleichsweise unscheinbare Gedenktafel.

Wenn man sie liest, verändert sich der Blick auf die Straße.

Und dann gibt es noch eine Geschichte, die diesen Ort für mich seit einigen Tagen mit einem Namen verbindet.

Ein Berliner Mädchen namens Marianne

Marianne Philipps.

Als Marianne Hirsch wurde sie 1924 in Berlin geboren. Ihre jüdische Familie lebte in Charlottenburg, in der Philippistraße. 1930 wurde das kleine Mädchen an genau jener Schule eingeschult, vor der ich nun mit meiner Tochter stand.

Marianne Philipps lebt heute in England. 102 Jahre ist sie inzwischen alt. Mehr als neun Jahrzehnte liegen zwischen diesen beiden Schulanfängen.

Marianne erinnerte sich noch im hohen Alter an ihre Zeit dort. Daran, in der Schule Topflappen gestrickt zu haben. Es sind gerade solche vollkommen gewöhnlichen Kindheitserinnerungen, die ihre Geschichte so berührend machen.

Denn Marianne war zunächst genau das: ein Berliner Kind.

Ein Mädchen, das morgens zur Schule ging, Lesen und Schreiben lernte, Freundinnen hatte, spielte und abends wieder nach Hause kam. Mit kleinen Sorgen und großen Träumen, wie Kinder sie eben haben.

Dann kamen die Nationalsozialisten.

Und aus dem Berliner Mädchen wurde immer stärker ein jüdisches Mädchen, dem seine eigene Heimat erklärte, dass es nicht mehr dazugehören sollte.

Ihre Mutter starb früh. Ihr Vater musste Marianne und ihren jüngeren Bruder zeitweise in einem jüdischen Waisenhaus unterbringen. Nach den Novemberpogromen von 1938 wurde immer deutlicher, dass für jüdische Familien in Deutschland nicht nur die Freiheit, sondern das Leben selbst in Gefahr war.

Mariannes Welt wurde kleiner. Und sie wurde bedrohlicher.

Sein eigenes Kind fortschicken

1939 traf ihre Familie schließlich eine Entscheidung, deren Dimension ich mir als Vater kaum vorstellen kann.

Marianne sollte Deutschland verlassen.

Mit einem Kindertransport wurde die damals 15-Jährige nach England geschickt.

Allein.

Das Wort „Kindertransport“ ist heute ein historischer Begriff. Fast sachlich klingt er. Dahinter verbirgt sich etwas, das einem beim genaueren Nachdenken den Atem nimmt.

Eltern brachten ihre Kinder zum Bahnhof. Sie packten ihnen ein paar Habseligkeiten ein. Sie nahmen sie ein letztes Mal in den Arm. Dann setzten sie ihre Söhne und Töchter in einen Zug und blieben selbst zurück.

Niemand wusste, ob es ein Wiedersehen geben würde.

Man rettete sein Kind, indem man es fortschickte.

Vielleicht berührt mich Mariannes Geschichte gerade deshalb so sehr. Wenige Tage nachdem ich meine eigene Tochter mit ihrem Schulranzen an der Hand zu ihrem ersten Unterricht gebracht habe, versuche ich mir einen Vater vorzustellen, der seine Tochter an einen Bahnhof bringt, weil die größte Hoffnung für ihr Leben darin besteht, dass sie ihn verlässt.

Was sagt man seinem Kind in einem solchen Moment?

Dass alles gut wird?

Dass man sich bald wiedersieht?

Und was denkt man, wenn der Zug anfährt?

Marianne erreichte England. Ihr deutscher Reisepass, ausgestellt im Juli 1939 und versehen mit den Kennzeichnungen, mit denen der nationalsozialistische Staat jüdische Menschen erfasste und ausgrenzte, befindet sich heute in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin.

Ein amtliches Dokument. Ein Stück Papier.

Und zugleich das Dokument einer Flucht, die einem Mädchen das Leben rettete.

Für ihren Vater und ihren jüngeren Bruder gab es diese Rettung nicht.

Beide wurden im Holocaust ermordet.

Marianne überlebte als einziges Mitglied ihrer unmittelbaren Familie.

Und trotzdem ein Leben voller Hoffnung

Ich versuche mir vorzustellen, wie ein Mensch nach solchen Erfahrungen weiterlebt.

Marianne tat es.

Sie arbeitete zunächst in England als Hausangestellte und Kindermädchen, zog später nach London und traf dort Harry wieder, den sie bereits aus dem jüdischen Waisenhaus in Berlin kannte. Die beiden heirateten 1943, bekamen zwei Kinder und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Später führte Marianne ein eigenes Schneidergeschäft, engagierte sich über viele Jahre ehrenamtlich und wurde Teil der jüdischen Gemeinschaft in Manchester.

Das Bemerkenswerte an ihrer Geschichte ist für mich deshalb nicht allein, dass sie überlebt hat.

Es ist die Haltung, mit der diese heute 102-jährige Frau auf ihr Leben blickt – nach allem, was ihr widerfahren ist.

Eine Frau, der Verfolgung und Vertreibung die Kindheit genommen und fast die gesamte Familie geraubt hatten, hätte allen Grund gehabt, bitter zu werden.

Marianne Philipps entschied sich offenbar anders.

Sie erzählte ihre Geschichte. Sie sprach mit jungen Menschen. Sie beantwortete Fragen von Schülerinnen und Schülern aus Berlin und half damit, dass aus Daten, Opferzahlen und Geschichtsbüchern wieder das wird, worum es eigentlich geht:

Menschen.

Als Schülerinnen und Schüler ihrer ehemaligen Schule Kontakt zu ihr aufnahmen, schrieb Marianne ihnen handschriftlich zurück.

Ein Satz daraus ist mir besonders hängen geblieben:

„Ihr seid die Zukunft und sie wird hoffentlich besser werden als die Vergangenheit.“

Was für ein Satz von einer Frau mit dieser Vergangenheit.

Freiheit ist nie einfach fertig

Vielleicht sollten wir diesen Satz heute öfter lesen.

Nicht als pathetische Mahnung und auch nicht als ritualisierte Erinnerung, die an bestimmten Tagen hervorgeholt und anschließend wieder weggelegt wird.

Sondern als Auftrag.

Denn Auschwitz stand nicht am Anfang.

Am Anfang standen Worte. Ausgrenzung. Die Einteilung von Menschen in diejenigen, die dazugehören, und diejenigen, die angeblich nicht dazugehören. Es begann mit der Gewöhnung daran, dass über bestimmte Menschen anders gesprochen werden durfte. Mit der schrittweisen Verschiebung dessen, was eine Gesellschaft für hinnehmbar hielt.

Irgendwann wurde aus dem Unsagbaren das Sagbare, aus dem Sagbaren das politisch Gewollte und aus der Ausgrenzung staatliches Handeln.

Das ist einer der Gründe, warum die Erinnerung an Menschen wie Marianne Philipps so wichtig bleibt.

Nicht weil unsere Gegenwart mit den Jahren des Nationalsozialismus gleichzusetzen wäre. Das wäre historisch falsch und würde die damaligen Verbrechen relativieren.

Sondern weil Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit keine Zustände sind, die irgendwann erreicht und dann für alle Zeiten gesichert wären.

Jede Generation bekommt sie nur auf Zeit übergeben.

Und jede Generation muss entscheiden, was sie daraus macht.

Um 7:45 Uhr geht die Tür auf

Am Montagmorgen um 7:45 Uhr ging schließlich die Schultür auf.

Meine kleine Tochter verschwand mit ihrem riesigen Ranzen in jenem Gebäude, in dem vor fast hundert Jahren ein anderes kleines Berliner Mädchen Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt hatte.

Ich blieb noch einen Moment draußen stehen.

Auf der einen Straßenseite die alte Schule. Gegenüber das ehemalige Reichskriegsgericht. Dazwischen Berliner Alltag: Autos, Lastenfahrräder, Eltern, Kinder auf dem Weg in ihre Klassen.

Vielleicht ist es genau das, was Berlin ausmacht. Man läuft jeden Tag an Geschichte vorbei, ohne sie immer zu sehen.

Sie steht nicht nur in Büchern oder hinter Museumstüren. Sie steckt in Häusern, Straßennamen, Fassaden und manchmal in einer kleinen Gedenktafel, an der man hundertmal vorbeigegangen ist.

Und manchmal begegnet sie einem morgens um halb acht auf dem Schulweg der eigenen Tochter.

Dann wird aus Geschichte plötzlich Gegenwart.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir sie unseren Kindern erzählen müssen.

Nicht damit sie mit der Last unserer Vergangenheit aufwachsen.

Sondern damit sie verstehen, wie wertvoll ihre Gegenwart ist und dass auch sie irgendwann Verantwortung dafür tragen werden, was aus ihr wird.

Damit Mariannes Hoffnung wahr bleibt:

Dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit.