Berlin muss wieder groß denken

Berliner Skyline bei Nacht mit S-Bahn
Berlin hat alle Voraussetzungen, zur Nummer eins unter den europäischen Hauptstädten zu werden. Entscheidend ist, ob die Stadt wieder groß denkt und konsequent handelt. (Foto von Mathias Sogorski auf Pexels)

Im Jahr 2019 haben wir uns bei der GASAG gefragt, wie ein Unternehmen, das über mehr als ein Jahrhundert mit fossiler Energie gewachsen ist, sein Geschäftsmodell zukunftsfähig umbauen kann. Nicht als Absichtserklärung für irgendwann, sondern ganz konkret.

Wir hätten uns diese Frage schönreden oder auf später verschieben können. Stattdessen haben wir sie als Aufgabe angenommen. Heute entwickeln wir innovative Quartierslösungen, unter anderem mit Abwärme aus Rechenzentren oder erneuerbaren Energien. Aus einer unbequemen Frage ist ein neues Geschäftsfeld geworden, auf das wir stolz sind.

Genau diese Haltung fehlt Berlin gerade an vielen Stellen.

Eine Stadt, die sich selbst kleinredet

Berlin hat ein Imageproblem – aber nicht bei anderen, sondern bei sich selbst. Wir reden über Verwaltungsstau oder marode Schulen. Und das zu Recht. Dabei vergessen wir aber etwas Entscheidendes: Diese Stadt hat alles, was sie braucht, um die Nummer eins unter den europäischen Hauptstädten zu werden. Die Talente sind da. Das kulturelle Kapital ist da. Die internationale Strahlkraft ist da.

Was fehlt, ist der Mut, das auch zu wollen.

Große Ziele statt kleiner Verwaltung

Olympische Spiele, Weltausstellung oder eine internationale Bauausstellung sind ambitionierte Ziele mit breiter öffentlicher Wirkung. Sie setzen Kräfte frei, mit denen sich die Verwaltung modernisieren und das Selbstverständnis einer Stadt stärken lässt. Nicht trotz der Ambition, sondern wegen ihr. Die Olympischen Spiele in Paris 2024 sind dafür ein großartiges Beispiel.

Was hieße das für Berlin?

Den Rand des Tempelhofer Felds bebauen und damit ein klares Zeichen für entschlossenen Wohnungsbau setzen. Sich um eine Expo oder Olympische Spiele bewerben und diese Vorhaben als Motor für moderne Infrastruktur und bessere Sportstätten nutzen. Genehmigungsverfahren beschleunigen, statt Investitionen in der Bürokratie auszubremsen. Und endlich dafür sorgen, dass Nahverkehr, Schulen, Sicherheit und der öffentliche Raum nicht nur verwaltet werden, sondern zuverlässig funktionieren.

Das sind große Aufgaben. Aber genau deshalb brauchen wir große Ziele.

Warum das nicht naiv ist

Ich weiß, wie das klingt: Ein Manager fordert Visionen, während andere um den nächsten Haushalt ringen. Aber genau das ist der Punkt, deshalb lohnt sich der Blick nach vorne. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Ambitionierte Ziele sind kein Luxus für bessere Zeiten. Sie sind oft der Grund, warum Organisationen sich überhaupt bewegen. Hätten wir uns 2019 nur gefragt, was gerade machbar ist, würden wir heute noch über Klimaneutralität diskutieren, statt sie in Berliner Quartieren umzusetzen. Erst das große Ziel hat uns gezwungen, schneller, mutiger und pragmatischer zu werden, als es der Status quo je verlangt hätte.

Berlin braucht genau diesen Anspruch.

Ein Appell an die Berliner Politik

Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Mein Appell an alle Parteien, die dabei antreten: Diese Stadt braucht keinen Wahlkampf der kleinen Schritte. Sie braucht den Mut zur großen Linie. Berlin ist nicht irgendeine Stadt. Es ist die Hauptstadt. Was hier gelingt oder scheitert, wirkt weit über die Stadtgrenzen hinaus. Ich erwarte von der künftigen Regierung keine Wunder. Aber ich erwarte eine klare Haltung: Sie muss das Beste für die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt erreichen wollen, statt nur das Machbare zu verwalten.

Wer Berlin regieren will, sollte an diese pulsierende, innovative und vielfältige Stadt glauben. Laut, sichtbar und über den eigenen Wahlkampf hinaus. Berlin ist die Nummer eins unter den europäischen Hauptstädten. Das ist kein Slogan. Es ist ein Auftrag.

Fangen wir an, ihn gemeinsam zu erfüllen.