Berlin muss aus Aufbruch Wachstum machen

Schienennetz in Berlin mit S-Bahn
Aus Aufbruch muss Wachstum werden: Berlin braucht verlässliche Rahmenbedingungen, damit aus Ideen, Investitionen und Unternehmergeist neue wirtschaftliche Stärke entsteht. (Foto von Saskia Schulz auf Pexels )

Wer heute auf Berlin blickt, sieht trotz wirtschaftlicher Unsicherheit einen bemerkenswerten Aufbruch. Zwischen Januar und Juni 2026 wurden bundesweit über 3000 Start-ups gegründet – mehr als im gesamten Jahr 2024. Berlin blieb mit 429 Neugründungen die klare Nummer eins unter den deutschen Städten und legte gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025 um ganze 21 Prozent zu. Die wirtschaftliche Substanz – allen voran der Gründergeist – ist Berlin nicht abzusprechen. Die entscheidende Frage ist eine andere: Gelingt es Berlin, aus diesem Aufbruch dauerhaftes Wachstum zu machen?

Berlin kann mehr, als die öffentliche Erzählung vermuten lässt

Folgt man öffentlichen Urteilen über Berlin, so klaffen Wahrnehmung und Wirklichkeit weit auseinander. Einer aktuelle Allensbach-Umfrage bezeichneten zwei Drittel der Deutschen im Jahr 2007 Berlin noch als faszinierende Metropole, heute ist es nur noch knapp ein Drittel. München und Hamburg liegen inzwischen vorn. Am kritischsten urteilen die Berlinerinnen und Berliner selbst – über Kriminalität, Verwahrlosung, heruntergekommene Viertel.

Meine Haltung ist klar: Berlin kann mehr, als es die öffentliche Erzählung vermuten lässt. Der Standort bietet eine beeindruckende wirtschaftliche Substanz wie nur wenig andere – und diese geht über starke Gründungszahlen hinaus. Zu Berlin gehören ein innovativer Mittelstand, Industrie, etablierte Unternehmen sowie eine starke Forschungslandschaft mit internationalen Leuchttürmen. An Ideen, Talent und unternehmerischem Mut fehlt es dieser Stadt nicht. Jene Basis in nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu übersetzen – dem muss unser aller Anstrengung gelten.

Denn Wachstum entsteht dann, wenn Start-ups skalieren, wenn Unternehmen investieren, sich erneuern und Arbeitsplätze schaffen. Genau an dieser Übersetzung von Potenzial in Ergebnisse hakt es – zu oft gebremst durch lange Verfahren, unklare Zuständigkeiten und fehlende Verbindlichkeit. Politik kann Erfolg nicht verordnen. Aber sie kann ihn ermöglichen oder unnötig erschweren.

Eine Verwaltung, die ermöglicht statt bremst

Verlässliche Rahmenbedingungen beginnen bei einer Verwaltung, die ermöglicht statt bremst. Dazu gehören auch verlässliche Investitionsbedingungen.

Enteignungsdrohungen wirken hier verheerend: Sie schaffen keine neue Wohnung, binden Mittel und schwächen das Investitionsvertrauen, das Berlin für Wachstum und Wohnungsbau braucht. Die nächste Landesregierung muss pragmatisch handeln: Verantwortlichkeiten klären, Fristen setzen, Verfahren digitalisieren. Wesentliche Verwaltungsleistungen sollten vollständig digital verfügbar sein, Planungs- und Genehmigungsverfahren bei Wohnungsbau und Infrastruktur innerhalb von höchstens zwei Jahren abgeschlossen werden.

Wie groß die Umsetzungslücke ist, zeigt der Wissenschaftstransfer: Zu häufig entstehen Patente, Unternehmen und Arbeitsplätze aus Berliner Forschung – nur außerhalb der Hauptstadtregion. Es braucht bessere Bedingungen für Ausgründungen, eine engere Kooperation der Wissenschaft mit jungen wie etablierten Unternehmen und eine innovationsfreundliche öffentliche Beschaffung.

Wachstum braucht Menschen

Vor allem aber braucht Wachstum Menschen. Der Fachkräftemangel gehört zu den größten Wachstumshemmnissen der Hauptstadtregion. Berlin muss internationale Talente gewinnen und zugleich die Fähigkeiten der Menschen nutzen, die längst hier leben. Dafür braucht es schnellere Anerkennungsverfahren, digitale und englischsprachige Verwaltungsangebote, bezahlbaren Wohnraum, leistungsfähige Schulen und eine stärkere berufliche Bildung. 

Entscheidend ist nicht, woher ein Mensch kommt

Diese Frage ist für mich auch eine persönliche. Ich bin in Gimbsheim in Rheinhessen aufgewachsen. Mein Vater arbeitete am Opel-Fließband, meine Mutter in der Hauswirtschaft. Heute bin ich Unternehmer, Investor und Stifter. Dieser Weg prägt meinen Blick: Entscheidend ist nicht, woher ein Mensch kommt, sondern wohin er will. Was für die Stadt gilt, gilt auch für den Einzelnen – aus einem Anfang muss etwas werden können.

Eine Stadt kann keinen Lebensweg garantieren, aber sie kann Möglichkeiten eröffnen und Hürden abbauen. Herkunft darf nicht über Zukunft entscheiden. Dazu gehören gute Bildung, Sprachförderung, Aus- und Weiterbildung. Denn wirtschaftlicher Erfolg ist kein Selbstzweck: Wachstum schafft Beschäftigung und Wohlstand, soziale Teilhabe und Spielraum für öffentliche Investitionen. Es soll mehr Menschen ermöglichen, ihr Leben aus eigener Kraft zu gestalten und aufzusteigen.

Aus Gründungsdynamik muss Wachstumsdynamik werden

Berlin sollte seine Probleme klar benennen, ohne seine Möglichkeiten kleinzureden. Es ist an der nächsten Landesregierung, diese Weiche zu stellen. Doch zugleich ist Berlins Zukunft nicht allein Aufgabe der Politik – auch Unternehmen, Investoren und die Stadtgesellschaft stehen in der Verantwortung. Aus der Gründungsdynamik muss eine breite Investitions- und Wachstumsdynamik werden. Berlin muss aus Aufbruch Wachstum machen.