Berlin braucht keine neue Erzählung. Berlin braucht mehr Umsetzung.

Historische Backsteinhallen mit Stahlbrücken im Technologiepark Humboldthain in Berlin
Weniger erklären, mehr möglich machen: Berlin braucht Raum für Industrie, Handwerk und neue Wertschöpfung. (Foto von Travel with Lenses auf Pexels)

Berlin ist Weltmeister im Sich-selbst-Erklären. Kaum eine Stadt spricht so routiniert über Aufbruch, Wandel und Zukunft. Das ist sympathisch. Manchmal ist es sogar wahr. Aber immer häufiger ersetzt die Erzählung das Ergebnis.

Die ehrliche Frage vor der nächsten Wahl lautet deshalb nicht: Hat Berlin gute Ideen? Natürlich hat Berlin gute Ideen. Die Frage ist: Schafft Berlin es noch, aus guten Ideen wirtschaftliche Stärke zu machen?

Diese Stadt hat Substanz

Die Ausgangslage ist besser, als manche glauben. Berlin hat starke Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups und internationale Strahlkraft. ASML, BMW, Siemens oder Planet Labs stehen für industrielle Dynamik. Berliner Start-ups und Scale-ups kommen auf rund 200 Milliarden Euro Marktwert, das Verarbeitende Gewerbe erwirtschaftete 2024 mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz. Diese Stadt hat Substanz.

Aber Substanz ist nicht naturgegeben. Sie muss gepflegt, gesichert und immer wieder neu erarbeitet werden. Genau da wird Berlin zu oft zu langsam.

Wer Industrie will, braucht Industrieflächen

Wer Industrie will, braucht Industrieflächen. Seit 2015 hat Berlin rund 170 Hektar Gewerbefläche verloren, weitere rund 100 Hektar könnten folgen. Gleichzeitig brauchen Handwerk, Industrie, Labore, Logistik und produktionsnahe Dienstleistungen neue Orte. Eine Stadt, die jede Fläche am Ende vor allem als Wohnbaureserve betrachtet, löst kurzfristig vielleicht ein Problem – und schafft langfristig ein neues.

Dabei hat Berlin Potenzialflächen für zehntausende Wohnungen – eine behutsame Randbebauung des Tempelhofer Feldes nicht einmal mit eingerechnet. Aber wenn ein Bebauungsplanverfahren im Schnitt zehn Jahre dauert und das Bauprojekt Pankower Tor sogar mehr als 16 Jahre in der Warteschleife hängt, dann grenzt das an Selbstsabotage beim Wohnungsbau.

Berlin braucht eine Kultur des Möglichmachens. Weg vom ewigen „Warum es nicht geht“ hin zum „Was müssen wir tun, damit es geht?“

Aus Forschung muss Wertschöpfung werden

Was kann und muss Berlin zum Beispiel tun, damit wissenschaftliche Forschungsexzellenz in Wertschöpfung made in Berlin mündet? Ja, Berlins Hochschulen genießen international einen hervorragenden Ruf. Aber wie machen wir aus Renommee Stadtrendite? Transfer darf nicht Sonntagsrede bleiben, sondern muss gesetzlich verankerte Kernaufgabe der Hochschulen werden. Finanziert, strukturiert und messbar.

Berlin muss Talente halten und gewinnen

Und was muss Berlin tun, um die vielleicht wichtigste Ressource Berlins zu sichern: Talente und Fachkräfte? Der Fachkräftemangel ist trotz schwächerer Konjunktur nicht verschwunden. Er macht nur kurz weniger Lärm. Laut IHK-Fachkräftemonitor könnten bis 2035 rund 130.000 Stellen unbesetzt bleiben, während zugleich rund 440.000 Erwerbstätige altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden.

Wer in Berlin arbeiten soll, muss hier aber auch ankommen können: mit Wohnung, Aufenthaltstitel, Familie und Perspektive.

Bürokratie kostet Wachstum

Was in Berlin leider immer geht, ist, mehr Bürokratie zu schaffen. Stichwort Ausbildungsplatzabgabe. Dabei kostet uns Bürokratie Wachstum und Wertschöpfung.

Wir haben das vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) ausrechnen lassen, und die Zahlen sind erschütternd: Würde sich allein der von Landesvorgaben verursachte Bürokratieaufwand für Unternehmen halbieren, hätte ein typischer Mittelständler rechnerisch rund 35 zusätzliche produktive Arbeitstage im Jahr. Für Berlin insgesamt wären das eine Milliarde Euro zusätzlicher Wertschöpfung und mehrere tausend Arbeitsplätze.

Wirtschaftspolitik muss Umsetzungspolitik werden

Deshalb muss die nächste Landesregierung Wirtschaftspolitik wieder als Umsetzungspolitik begreifen. Nicht noch ein Leitbild. Nicht noch ein Papier. Sondern Wohnungen bauen, Gewerbeflächen sichern, Bürokratie abbauen und Digitalisierung spürbar machen.

Denn Wahlversprechen lassen sich nur mit einer starken und wachsenden Wirtschaft einlösen. Dass Enteignungen in diesem Zusammenhang absolutes Gift für den Standort Berlin, aber auch darüber hinaus sind, soll hier der Vollständigkeit halber noch einmal deutlich erwähnt werden.

Weniger erklären, mehr möglich machen

Diese Stadt hat alles, was sie braucht, um eine führende Wirtschaftsmetropole Europas zu sein. Jetzt muss sie nur noch weniger erklären – und mehr möglich machen.