Wenn aus TikTok Regierung wird
Was der Wahlsieg von Ulrich Siegmund über Politik im Jahr 2026 erzählt – und warum Berlin sehr genau hinschauen sollte
Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und die Umfragen der vergangenen Wochen lagen nicht daneben.
Ulrich Siegmund und die AfD haben diese Wahl nicht einfach gewonnen. Sie haben sie haushoch gewonnen. Nach den ersten Hochrechnungen liegt die AfD weiter klar vor der CDU. Ob es am Ende sogar für eine eigene Mehrheit reicht, ist zu diesem Zeitpunkt noch offen. Klar ist aber schon jetzt: Sachsen-Anhalt hat einen eindeutigen Wahlsieger.
Damit endet an diesem Abend nicht nur ein bemerkenswerter Wahlkampf. Es beginnt ein politisches Experiment, wie wir es in Deutschland in dieser Form noch nicht erlebt haben.
Denn noch nie zuvor habe ich im Vorfeld einer Landtagswahl eine solche Begeisterung für einen Kandidaten erlebt. Eine solche Lautstärke, eine solche Präsenz, eine solche Personalisierung. Vor allem aber dieses Gefühl einer politischen Bewegung, die ihren Anhängern seit Monaten vermittelt: Wir gewinnen das hier jetzt.
Der Algorithmus kennt mich inzwischen
Natürlich muss ich bei meiner eigenen Wahrnehmung vorsichtig sein. Auch meine Mediennutzung hat sich verändert. Wer sich einmal mit Ulrich Siegmund beschäftigt, seine Videos ansieht oder Beiträge über ihn kommentiert, bekommt von den Algorithmen zuverlässig noch mehr Ulrich Siegmund serviert. Die digitale Welt füttert uns bevorzugt mit dem, worauf wir reagieren.
Aber ganz darauf lässt sich dieses Phänomen nicht reduzieren. Die AfD hat in Sachsen-Anhalt nicht nur Ressentiment organisiert. Sie hat verstanden, wie man Menschen in einer fragmentierten Medienwelt dauerhaft bestätigt, emotionalisiert und schließlich mobilisiert. Und Ulrich Siegmund ist dafür nahezu die Idealbesetzung.
Er wirkt nahbar, spricht verständlich und sieht nicht aus, als hätte ihn eine Parteizentrale nach drei Workshops für politische Kommunikation auf Menschen losgelassen. Und ja: Er kann durchaus sympathisch wirken. Sympathie ist schließlich keine politische Kategorie und schon gar kein Gütesiegel für politische Positionen.
Aber wer nicht versteht, warum dieser Mann Menschen erreicht, wird auch nicht verstehen, warum die AfD in Sachsen-Anhalt heute dort steht, wo sie steht. Siegmund spricht mit Menschen in ihrer Sprache, gibt ihnen das Gefühl, ihre Welt zu kennen, und vermittelt ihnen nicht, dass sie erst ein Politikstudium brauchen, um seine Botschaften verstehen zu dürfen. Und er aktiviert. Das ist zunächst einmal eine politische Fähigkeit. Davon lebt Demokratie schließlich.
Dass heute Menschen Schlange standen, die sich lange von Politik nicht erreicht fühlten, ist als politische Aktivierung zunächst beeindruckend. Eigentlich wäre das eine gute Nachricht – wenn der Anlass nicht so problematisch wäre. Denn vieles spricht dafür, dass hier nicht in erster Linie ein konkretes Programm mobilisiert hat, sondern ein Gefühl: Jetzt sind wir dran. Jetzt zeigen wir es denen. Wir sind das Volk.
Ein Gefühl schlägt ein Programm
Genau darin liegt die Kraft dieser Kampagne. Ein Kandidat wie Ulrich Siegmund funktioniert auch deshalb so gut, weil Politik plötzlich aussieht wie Social Media: unmittelbar, einfach, persönlich, konfliktorientiert. Kurze Botschaften, schnelle Bilder, gute Laune, Wiederholung.
„Alles ist möglich.“
„Wir holen uns unser Land zurück.“
Und natürlich wird dieses Land „vom Kopf auf die Füße“ gestellt.
Was genau das eigentlich bedeutet? Nicht so wichtig.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Während Politik jahrzehntelang glaubte, der Wähler müsse möglichst viele Programme, Maßnahmen, Zahlen und Konzepte präsentiert bekommen, hat Siegmund verstanden, dass politische Kommunikation heute nach anderen Regeln funktionieren kann. Ein Gefühl schlägt ein Konzept. Ein Gesicht schlägt ein Parteiprogramm. Und ein Satz, der hängen bleibt, schlägt im Zweifel 180 Seiten Regierungsprogramm.
Man muss das nicht mögen. Man sollte es aber verstehen.
Natürlich hatten wir auch früher schon politische Popstars. Ronald Barnabas Schill beispielsweise, „Richter Gnadenlos“. Seine Partei holte in Hamburg aus dem Stand fast 20 Prozent. Damals gab es immerhin ein sehr konkretes Thema, an dem sich der Erfolg festmachen ließ: Sicherheit. Viele Hamburger sehnten sich nach Law and Order, und Schill verkörperte Law and Order. Sein weiterer Lebensweg führte bekanntlich irgendwann bis nach Brasilien und ins Dschungelcamp.
Und dann war da Karl-Theodor zu Guttenberg. Kein Ministerpräsidentenkandidat, aber zeitweise ein politischer Popstar, bei dem manche Medien praktisch schon die Kanzlerakte vorbereiteten. Auch diese Geschichte endete anders als erwartet.
Jetzt also Uli. Und ich sage bewusst Uli, weil genau das Teil seines Erfolges ist.
Der bessere Riecher
Interessant ist dabei eine kleine Berliner Fußnote. Bevor Ulrich Siegmund Deutschlands wohl bekanntester Landespolitiker der AfD wurde, beschäftigte er sich mit Duftmarketing. Vor mehr als zehn Jahren wollte er unter anderem den Berliner Verkehrsbetrieben Raumbeduftung schmackhaft machen. Düfte auf Bahnhöfen sollten die Stimmung heben und nach seiner Vorstellung sogar Aggression und Vandalismus entgegenwirken.
Die BVG ließ sich von der olfaktorischen Vision nicht überzeugen. Politisch hatte Siegmund offenbar den besseren Riecher dafür, was ankommt.
Aber ein erfolgreicher Influencer ist noch kein guter Politiker. Eine Wahlkampfbühne ist kein Kabinettstisch. Ein TikTok lässt sich nach 30 Sekunden beenden. Eine Haushaltsberatung leider nicht.
Politische Wirklichkeit besteht aus Akten, Zuständigkeiten, Haushaltsvorbehalten, Gesetzen, Bundes- und Landesrecht, Interessengegensätzen und stundenlangen Sitzungen, in denen niemand „Uli, Uli, Uli“ ruft. Vor allem aber besteht Politik aus Kompromissen.
Die CDU wollte die AfD halbieren
Für die CDU ist dieser Abend eine Vollkatastrophe. 2021 hatte sie in Sachsen-Anhalt noch 37,1 Prozent geholt. Jetzt liegt sie bei nur noch rund 18,5 Prozent. Ausgerechnet die Partei, die hier jahrzehntelang den Anspruch einer Volkspartei erhob, hat sich innerhalb einer Wahl nahezu halbiert.
Die Ironie ist kaum zu übersehen. Friedrich Merz wollte die AfD politisch halbieren. In Sachsen-Anhalt ist ziemlich genau das Gegenteil passiert: Die AfD hat sich gegenüber 2021 mehr als verdoppelt, während die CDU fast halbiert wurde.
Und damit stellt sich eine Frage, die unangenehmer ist, als sie klingt: Wer ist hier eigentlich noch Volkspartei?
Die CDU verabschiedet sich in Sachsen-Anhalt gerade von diesem Nimbus. Gleichzeitig erreicht die AfD Größenordnungen, die wir lange den klassischen Volksparteien vorbehalten haben. Ob man sie deshalb schon so nennen will, ist eine andere Frage. Den politischen Raum dafür beansprucht sie längst.
Das kann man beklagen. Man sollte es vor allem verstehen.
Keine Macht für niemanden?
Und jetzt wird es kompliziert.
Denn so eindeutig dieser Wahlsieg ist, so unklar könnte die Regierungsbildung werden. Sollte die AfD die absolute Mehrheit verfehlen und weiterhin niemand mit ihr koalieren wollen, hätte Sachsen-Anhalt einen haushohen Wahlsieger – und trotzdem womöglich keine naheliegende Regierung.
Keine Macht für niemanden?
Genau hier zeigt sich das eigentliche Dilemma der sogenannten Brandmauer. Sie hat die AfD nicht klein gehalten. Sie hat ihren Aufstieg nicht verhindert. Im Gegenteil: Sie steht heute stärker da als je zuvor.
Und jetzt bitte nicht wieder dieselben Reflexe.
Nicht wieder nur „Bollwerk gegen rechts“. Nicht wieder ausschließlich „Extremisten von der Macht fernhalten“. Nicht wieder die Vorstellung, man müsse lediglich alle anderen Parteien irgendwie zusammenbinden und damit sei das Problem gelöst.
Denn wer jetzt glaubt, man könne dieses Ergebnis einfach durch irgendeine möglichst breite Konstruktion gegen die AfD wegorganisieren, dürfte das Problem eher eskalieren als lösen.
Der Wähler hat an diesem Abend ziemlich klar gesprochen. Das politische System weiß nur noch nicht, was es mit dieser Antwort anfangen soll.
Genau darin liegt die eigentliche Zäsur.
Die Brandmauer gerät politisch immer stärker unter Druck. Gleichzeitig traut sich kaum jemand an die andere Konsequenz heran: ein mögliches Verbotsverfahren ernsthaft, rechtsstaatlich und ohne politische Folklore prüfen zu lassen.
Dazwischen entsteht ein immer größerer Raum, in dem die AfD weiter wachsen kann.
Und Teile dieser Partei verstecken längst nicht mehr, wohin sie wollen.
Das Problem ist sichtbar. Es wird nur nicht kleiner, indem man es rhetorisch umstellt.
Aufwachen wäre deshalb jetzt die bessere Strategie.
Nicht beschimpfen. Nicht verdrängen. Nicht wegkoalieren.
Sondern verstehen, warum diese Partei inzwischen Menschen in einer Größenordnung erreicht, die klassische Volksparteien einmal für sich beansprucht haben – und daraus endlich politische Konsequenzen ziehen.
Der Pitch ist gewonnen
Ob Ulrich Siegmund am Ende tatsächlich Ministerpräsident wird, ist damit noch offen. Aber den Pitch hat er gewonnen.
Und etwas Neues entsteht immer zweimal: einmal in der Vorstellung und einmal in der Umsetzung. Das kennt jeder Unternehmer. Den Pitch kann man mit einer fantastischen Präsentation gewinnen. Der Kunde ist begeistert, alle klatschen, der Auftrag ist da. Und am Montagmorgen muss geliefert werden.
Sollte Siegmund tatsächlich ins Regieren kommen, beginnt genau dann der Teil, den seine Kampagne bislang kaum zeigen musste.
Denn Opposition ist ein großartiger Ort für einfache Antworten. Regierung ist es nicht.
Natürlich kann eine Landesregierung Prioritäten verändern, Behörden umbauen, Förderprogramme streichen, politische Akzente setzen und versuchen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter Druck zu setzen. Sie kann Begrüßungsgelder für Neugeborene versprechen, Deutschland-Flaggen hissen, Führerscheine bezuschussen und sich an der Zusammensetzung von Schulklassen abarbeiten.
Nur löst all das noch keine der großen Fragen, an denen sich eine Regierung messen lassen muss: Wie entstehen gut bezahlte Arbeitsplätze? Wie gewinnt ein Land Fachkräfte? Wie funktionieren Schulen besser? Wie hält man Ärzte auf dem Land? Wie beschleunigt man Genehmigungen? Wie saniert man Infrastruktur? Wie sorgt man dafür, dass Unternehmen investieren und junge Menschen bleiben?
Spätestens dort reicht „Alles ist möglich“ nicht mehr.
Vielleicht ist das deshalb das große politische Experiment dieses Wahlabends: Was passiert, wenn die Logik sozialer Medien auf die Wirklichkeit staatlicher Verantwortung trifft?
Ich finde das tatsächlich spannend. Nicht hämisch, nicht schadenfroh. Spannend.
Denn wenn Ulrich Siegmund und seine Partei mit ihren Vorstellungen tatsächlich Verantwortung übernehmen wollen, müssen sie irgendwann zeigen, dass hinter der perfekt inszenierten politischen Marke auch ein funktionierendes Produkt steht.
Den Wähler kleinzureden wäre der nächste Fehler
Einen Fehler sollten ihre politischen Gegner allerdings kein weiteres Mal machen: die Menschen beschimpfen, die sie gewählt haben.
Wer nach einem solchen Wahlergebnis wieder nur darüber spricht, wie dumm, verführt, rückständig oder undankbar diese Wähler seien, hat nichts verstanden.
Der Souverän entscheidet. Das Ergebnis kann einem gefallen oder nicht. Man darf es kritisieren, bekämpfen, analysieren und politisch alles dafür tun, beim nächsten Mal ein anderes zu erreichen. Aber man sollte den Wähler ernst nehmen.
Das gilt nach diesem Abend erst recht.
Berlin sollte nicht nach Magdeburg zeigen, sondern hinschauen
Und vielleicht ist das die wichtigste Nachricht dieses Wahlsonntags auch für Berlin.
In zwei Wochen wählen wir hier ein neues Abgeordnetenhaus. Berlin ist nicht Sachsen-Anhalt. Die politische Landschaft ist eine andere, die Stadtgesellschaft ist eine andere, die Themen sind andere. Wer jetzt glaubt, man könne dieses Ergebnis einfach nach Berlin übertragen, hat ebenso wenig verstanden.
Aber die Mechanismen politischer Kommunikation kennen keine Landesgrenzen. Menschen wollen angesprochen werden. Sie wollen verstanden werden. Sie wollen das Gefühl haben, dass Politik etwas mit ihrem tatsächlichen Leben zu tun hat. Und sie merken ziemlich schnell, wenn Parteien ihnen lediglich erklären, warum ihre Wahrnehmung falsch ist.
Deshalb sollte Berlin heute sehr genau nach Magdeburg schauen. Nicht, um sich über Sachsen-Anhalt zu erheben. Nicht, um die Menschen dort zu belehren. Sondern um etwas zu lernen.
Denn die entscheidende Frage nach diesem Wahlabend lautet nicht mehr, warum Ulrich Siegmund so erfolgreich geworden ist. Das lässt sich inzwischen ziemlich gut erklären.
Die viel spannendere Frage lautet:
Was passiert, wenn aus TikTok Regierung wird?
