400.000 Aale für Berlin: Artenschutz in Spree und Havel
400.000 junge Europäische Aale schwimmen seit dieser Woche durch Havel, Spree und Dahme. Das Fischereiamt der Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt hat die Jungtiere in mehreren Abschnitten der Berliner Gewässer ausgesetzt. Die Maßnahme ist Teil des länderübergreifenden Projekts „Laicherbestandserhöhung beim Europäischen Aal im Einzugsgebiet der Elbe“ und soll einen spürbaren Beitrag zum Erhalt einer stark bedrohten Art leisten – mitten in der Millionenstadt.
Die Zahl verdeutlicht die Dimension: Jeder der ausgesetzten Aale bringt bis zu sieben Gramm auf die Waage. Zusammengenommen gelangen damit rund 2.750 Kilogramm Jungfische in die Berliner Gewässer. Finanziert wird der Aalbesatz im Jahr 2026 mit insgesamt 138.000,00 Euro, davon 68.900,00 Euro aus Mitteln der Europäischen Union und 29.500,00 Euro aus Landesmitteln. Weitere Anteile werden durch Projektpartner getragen.
Ein Wanderer zwischen Kontinenten
Der Europäische Aal ist ein außergewöhnlicher Fisch. Geboren wird er in der Sargassosee im Atlantik. Als winzige Larve treibt er mit Meeresströmungen Richtung Europa, steigt in Flüsse auf, wächst dort über viele Jahre heran und macht sich schließlich wieder auf den Weg zurück in den Ozean, um zu laichen. Auch Berliner Gewässer sind Teil dieser jahrtausendealten Wanderroute.
Die nun ausgesetzten Jungtiere stammen ursprünglich aus französischen Flussmündungen zum Atlantik. Zwischen November und Februar wurden sie dort gefangen, anschließend in einer deutschen Aalfarm aufgezogen und an Süßwasserbedingungen gewöhnt. Gut genährt und stabil, wurden sie jetzt in ihre neuen Aufwuchsgewässer entlassen.
Bestandsrückgang seit Jahrzehnten
Seit mehr als 30 Jahren gehen die Bestände des Europäischen Aals dramatisch zurück. Als Hauptursachen gelten verbaute Flüsse, Schleusen und Wehre, Wasserkraftanlagen, Umweltverschmutzung und Veränderungen im Meer. Wanderhindernisse erschweren den Tieren den Weg zu geeigneten Lebensräumen erheblich. Gerade in stark regulierten Flusssystemen wie der Havel und der Spree ist der Aal daher auf Unterstützung angewiesen.
Mit dem gezielten Besatz soll der Bestand stabilisiert und langfristig wieder aufgebaut werden. Entscheidend ist dabei, dass die Aale in Gewässersystemen ausgesetzt werden, in denen sie historisch heimisch waren. Ziel ist nicht nur eine quantitative Stärkung, sondern die Sicherung funktionierender Wander- und Lebensräume.
Bedeutung für Berlin als Wasserstadt
Für Berlin ist das Projekt mehr als eine symbolische Naturschutzaktion. Die Stadt versteht sich als Metropole am Wasser. Rund sechs Prozent der Stadtfläche bestehen aus Wasser – Flüsse, Seen, Kanäle und Feuchtgebiete prägen das Stadtbild und die Lebensqualität.
Gesunde Fischbestände sind ein wichtiger Indikator für funktionierende Ökosysteme. Der Aal nimmt als Raubfisch eine bedeutende Rolle im Nahrungsgefüge ein. Stabile Populationen wirken sich positiv auf das ökologische Gleichgewicht in Spree, Havel und Dahme aus. Davon profitieren nicht nur andere Arten, sondern auch Angler, Berufsfischer und letztlich alle Berlinerinnen und Berliner, die saubere und artenreiche Gewässer als Erholungsraum schätzen.
Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels gewinnt der Schutz aquatischer Lebensräume zusätzlich an Gewicht. Höhere Wassertemperaturen, Niedrigwasserperioden und Starkregenereignisse setzen Flüssen und Seen zu. Maßnahmen wie der Aalbesatz sind daher nur ein Baustein in einem größeren Gefüge aus Gewässerschutz, Renaturierung und verbesserter Durchgängigkeit von Flussläufen.
Breites Partnernetzwerk und Forschung
An der Umsetzung beteiligt sind neben dem Fischereiamt Berlin unter anderem die Fischersozietät Tiefwerder-Pichelsdorf sowie die Köpenicker Fischervereinigung e. V. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet, um zu überprüfen, wie sich die eingesetzten Tiere entwickeln und welchen Beitrag sie tatsächlich zur Laicherbestandserhöhung leisten.
Die wissenschaftliche Evaluation ist entscheidend: Nur wenn belastbare Daten zur Wanderbewegung, Überlebensrate und späteren Rückkehr der Blankaale vorliegen, lässt sich der Erfolg solcher Programme realistisch bewerten. Auch Fragen zur Durchgängigkeit von Schleusenanlagen oder zu technischen Aufstiegshilfen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Investition in Natur und Zukunft
Die Investition von 138.000,00 Euro zeigt, dass Artenschutz auch in Zeiten knapper Haushalte Priorität besitzt. Für Berlin bedeutet das Projekt eine aktive Rolle im europäischen Artenschutz. Der Aal ist keine lokale Besonderheit, sondern Teil eines weit verzweigten ökologischen Netzwerks, das vom Atlantik bis in die Hauptstadt reicht.
Für die Stadtgesellschaft wird damit sichtbar: Naturschutz endet nicht an der Stadtgrenze. Er findet im urbanen Raum statt – zwischen Ausflugsschiffen, Uferpromenaden und Wohnquartieren am Wasser. Wenn in einigen Jahren ausgewachsene Aale aus Havel, Spree oder Dahme ihre lange Reise zurück ins Meer antreten, beginnt ihr Weg nach Europa mitten in Berlin.
