Berliner Wasserforum sucht Wege aus der Wasserkrise

Blick auf die Spree gespiegelt im Fenster
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Wie lässt sich die Wasserversorgung Berlins sichern, wenn Hitzeperioden häufiger werden, die Bevölkerung wächst und künftig weniger Wasser aus der Lausitz über die Spree in die Hauptstadt gelangt? Mit dieser Frage hat sich am 3. September 2026 das erste Berliner Wasserforum im Museum für Naturkunde beschäftigt. Bürgerinnen und Bürger diskutierten dort mit Fachleuten aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis über den langfristigen Umgang mit einer knapper werdenden Ressource. Das Forum markiert den Auftakt zu einem stärkeren öffentlichen Dialog – konkrete Entscheidungen oder verbindliche Zeitpläne gingen daraus allerdings noch nicht hervor.

Warum der Strukturwandel die Spree verändert

Die Berliner Wasserfrage ist eng mit der Entwicklung in der Lausitz verbunden. Über viele Jahrzehnte wurde dort für den Braunkohletagebau Grundwasser abgepumpt. Ein Teil dieses Wassers gelangte in das Flusssystem der Spree und erhöhte deren Abfluss. Mit dem Ende des Braunkohleabbaus fällt diese zusätzliche Wassermenge schrittweise weg. Die Folgen sind nicht allein in den ehemaligen Bergbauregionen Brandenburgs und Sachsens zu spüren, sondern reichen flussabwärts bis nach Berlin.

Wie stark und zu welchen Zeiten die Wassermenge der Spree zurückgeht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören die Entwicklung der Tagebaurestseen, das regionale Wassermanagement, Niederschläge, Verdunstung und die Auswirkungen des Klimawandels. Klar ist jedoch: Längere Trockenperioden und höhere Temperaturen erhöhen den Druck auf Flüsse, Seen und Grundwasservorkommen zusätzlich.

Für Berlin ist das besonders relevant, weil die Trinkwasserversorgung auf dem natürlichen und technisch unterstützten Wasserkreislauf der Region beruht. Grundwasser, Uferfiltration und Oberflächengewässer stehen miteinander in Verbindung. Veränderungen an der Spree betreffen deshalb nicht nur den sichtbaren Pegel des Flusses, sondern können langfristig auch die Bedingungen beeinflussen, unter denen Wasser gewonnen, aufbereitet und in ausreichender Menge bereitgestellt wird.

Masterplan Wasser als Berliner Zukunftsstrategie

Die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt reagiert auf diese Entwicklung mit dem Masterplan Wasser. Er bündelt Maßnahmen, mit denen die Wasserwirtschaft an Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung und veränderte Zuflüsse angepasst werden soll. Dazu gehören der Schutz der vorhandenen Ressourcen, eine widerstandsfähige Infrastruktur sowie ein sparsamerer und effizienterer Umgang mit Wasser.

Beim Wasserforum ging es vor allem darum, die Umsetzung dieser Strategie nicht ausschließlich innerhalb von Verwaltung, Wissenschaft und Versorgungsunternehmen zu beraten. An mehreren Thementischen konnten Einwohnerinnen und Einwohner eigene Erfahrungen, Fragen und Vorschläge einbringen. Grundlage waren zudem Beiträge, die zuvor im Projekt „Wasserzukunft. Stimmen aus Berlin und Brandenburg“ über eine digitale Plattform und in Workshops gesammelt worden waren.

Andreas Kraus, Staatssekretär für Klimaschutz und Umwelt, bezeichnete den Masterplan als zentrale Zukunftsstrategie zur Sicherung, Modernisierung und Weiterentwicklung der Berliner Wasserinfrastruktur. Für die Umsetzung sei die Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen ebenso erforderlich wie die Perspektive der Stadtgesellschaft.

Schwammstadt rückt in den Mittelpunkt

Ein Schwerpunkt der Gespräche lag auf dem Umbau Berlins zur Schwammstadt. Hinter dem Begriff steht das Ziel, Niederschlagswasser möglichst dort zu speichern, wo es fällt. Statt Regen schnell über versiegelte Flächen und die Kanalisation abzuleiten, soll er in Böden versickern, in Mulden und Speichern zurückgehalten oder für die Bewässerung genutzt werden.

Das kann mehrere Probleme gleichzeitig entschärfen. Gespeichertes Regenwasser steht während trockener Phasen für Stadtbäume und Grünanlagen zur Verfügung. Verdunstung trägt an heißen Tagen zur Kühlung bei. Bei Starkregen können dezentrale Rückhalteflächen die Kanalisation entlasten und das Risiko überfluteter Straßen, Keller und Unterführungen reduzieren.

Für die Berlinerinnen und Berliner ist das Thema unmittelbar im Alltag sichtbar. Vertrocknende Straßenbäume, aufgeheizte Plätze und überschwemmte Fahrbahnen sind Folgen einer Stadtstruktur, die vielerorts stark versiegelt ist. Maßnahmen der Schwammstadt betreffen deshalb nicht nur große Infrastrukturvorhaben. Auch entsiegelte Höfe, begrünte Dächer, Regenzisternen, bepflanzte Versickerungsmulden und neu gestaltete Straßenräume können Teil des Umbaus sein.

Teilnehmerin Johanna Erdmann verwies darauf, dass die Bevölkerung die Auswirkungen von Trockenheit und Starkregen direkt in den Kiezen erlebe. Bürgerinnen und Bürger wollten daher nicht nur beobachten, sondern ihr lokales Wissen in den Umbau einbringen. Beim Forum wurden außerdem verständliche Informationen, verlässliche Beteiligungsverfahren und eine gesicherte Finanzierung als wichtige Voraussetzungen genannt.

Wasserpolitik wird zur Frage der Stadtentwicklung

Die Bedeutung des Wasserforums reicht über die klassische Versorgung mit Trinkwasser hinaus. Wasser beeinflusst, wo und wie Berlin bauen kann, welche Grünflächen auch in trockenen Sommern erhalten bleiben und wie gut einzelne Quartiere mit Hitze und Starkregen umgehen. Damit wird Wasserpolitik zunehmend zu einem zentralen Bestandteil der Stadt-, Verkehrs- und Freiraumplanung.

Neue Wohnungen und Gewerbestandorte erhöhen den Bedarf, während zusätzliche Versiegelung die natürliche Versickerung erschweren kann. Dieser Zielkonflikt lässt sich nicht allein durch einen Appell zum Wassersparen lösen. Gefragt sind zugleich technische Investitionen, angepasste Bauvorgaben, mehr Speichermöglichkeiten und eine Planung, die den Wasserhaushalt bereits bei neuen Quartieren berücksichtigt.

Auch soziale Fragen spielen eine Rolle. Hitzebelastung, fehlendes Grün und Überflutungsrisiken sind innerhalb Berlins ungleich verteilt. Quartiere mit dichter Bebauung, wenigen Grünflächen und einem hohen Anteil versiegelter Flächen sind häufig besonders betroffen. Werden Investitionen in Entsiegelung, Verschattung und Regenwassermanagement räumlich ausgewogen eingesetzt, können sie deshalb auch zur Verbesserung der Lebensqualität in belasteten Kiezen beitragen.

Berlin kann die Herausforderung nicht allein lösen

Da die Spree mehrere Bundesländer durchquert und die Folgen des Lausitzer Strukturwandels weit über kommunale Grenzen hinausreichen, braucht Berlin eine enge Abstimmung mit Brandenburg, Sachsen und dem Bund. Entscheidungen über Tagebaurestseen, Flussbewirtschaftung und zusätzliche Speicher wirken sich auf die gesamte Region aus. Ein rein auf das Berliner Stadtgebiet begrenztes Wasserkonzept würde daher zu kurz greifen.

Zugleich bleibt die Hauptstadt selbst gefordert. Wassersparende Technik, die Nutzung von Betriebs- und Regenwasser sowie die Modernisierung von Leitungen und Anlagen können den Verbrauch und Verluste verringern. Der Erfolg hängt jedoch davon ab, ob Maßnahmen dauerhaft finanziert, rechtlich abgesichert und zügig umgesetzt werden. Beteiligungsformate können dabei Akzeptanz schaffen und lokale Erfahrungen sichtbar machen, ersetzen aber keine politischen Prioritäten und Investitionsentscheidungen.

Museum vermittelt zwischen Forschung und Gesellschaft

Das Museum für Naturkunde will sich bei dem Thema als Bindeglied zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit etablieren. Generaldirektor Johannes Vogel warnte, die Trockenheit der vergangenen Jahre sei lediglich ein Vorgeschmack auf die kommenden Jahrzehnte. Lösungen müssten gemeinsam entwickelt und gesellschaftlich getragen werden.

Bei der Veranstaltung wurden zudem Erkenntnisse aus dem Programm „ON WATER – WasserWissen in Berlin“ der Berlin University Alliance an das Team des Projekts „Wasserzukunft“ weitergegeben. Damit sollen bereits aufgebaute Netzwerke und Ergebnisse über das Ende einzelner Vorhaben hinaus erhalten bleiben. Das Projekt „Wasserzukunft. Stimmen aus Berlin und Brandenburg“ wird durch Mittel der LOTTO-Stiftung Berlin ermöglicht.

Ein Auftakt, an dem sich die Umsetzung messen lassen muss

Das erste Berliner Wasserforum macht deutlich, dass die Sicherung der Wasserversorgung nicht mehr nur ein Fachthema für Behörden und Versorgungsbetriebe ist. Sie betrifft Gesundheit, Wohnungsbau, Naturschutz, Stadtgrün, Hochwasservorsorge und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Die Veranstaltung eröffnet dafür einen breiteren Dialog und bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen.

Ob daraus ein wirksamer Beitrag zur Berliner Wasserzukunft entsteht, wird sich jedoch erst an den nächsten Schritten zeigen. Entscheidend ist, ob Vorschläge aus der Bevölkerung nachvollziehbar geprüft werden, welche Maßnahmen des Masterplans Wasser Priorität erhalten und wie deren Finanzierung gesichert wird. Ebenso wichtig sind messbare Ziele und eine regelmäßige öffentliche Darstellung der Fortschritte.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner Berlins steht dabei mehr auf dem Spiel als ein ausreichender Wasserstand in der Spree. Es geht um verlässliches Trinkwasser, widerstandsfähige Kieze und eine Stadt, die auch während langer Hitzeperioden und heftiger Regenfälle bewohnbar bleibt. Das Wasserforum ist dafür ein sinnvoller Anfang – die eigentliche Bewährungsprobe beginnt mit der praktischen Umsetzung.