Drei Euro, ein Döner und ziemlich viel Berlin

Andrang vor Halis Kebap bei der Drei-Euro-Döneraktion der SPD in Berlin-Moabit.
Wahlkampf am Dönerstand: Andrang vor Halis Kebap in Moabit. (Bild: Foto von Tobias von dem Berge)

Die „Dönerpreisbremse“ war bislang vor allem ein zugespitztes Gedankenspiel über Inflation, Alltag und politische Kommunikation. Im Berliner Wahlkampf ist daraus nun ganz real eine Aktion geworden: In Moabit gab es Döner für drei Euro. Mittendrin stand Yasin Khalife, 28 Jahre alt, Polizist, Moabiter – und Spitzenkandidat der SPD Mitte für die Bezirksverordnetenversammlung.

Ein Döner für drei Euro. Das klingt in Berlin inzwischen fast wie eine Erinnerung an vergangene Zeiten.

Sieben oder acht Euro sind längst keine Seltenheit mehr. Und genau deshalb eignet sich der Döner erstaunlich gut als kleiner Seismograf für die Stimmung im Land. Kaum jemand verfolgt beim Mittagessen den Verbraucherpreisindex. Aber ziemlich viele Berliner wissen noch, was ein Döner früher gekostet hat.

Die Idee einer „Dönerpreisbremse“ liegt da fast zwangsläufig nahe. Nicht unbedingt als ernst gemeintes politisches Instrument, sondern als zugespitztes Bild für eine sehr reale Erfahrung: Das Leben ist teurer geworden, und manche Preissteigerungen merkt man nicht in Statistiken, sondern direkt am Imbiss um die Ecke.

Nun hat der Berliner Wahlkampf aus dieser Zuspitzung für ein paar Stunden Wirklichkeit gemacht.

Bei Halis Kebap in der Moabiter Turmstraße bot die SPD kürzlich Döner für drei Euro an. Regulär kostete er acht Euro, die Differenz übernahm die Partei. Mit dabei waren SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und Yasin Khalife. Krach versuchte sich sogar selbst am Dönerspieß, vor dem Laden bildete sich eine längere Schlange.

Der Tagesspiegel brachte das Phänomen auf einen hübschen Begriff: „Wahlmampf“. Denn auch andere Parteien setzen in diesen Wochen auf Essen als Kontaktmittel: Pommes, Eis und Burger gehören inzwischen offenbar ebenso zum Berliner Straßenwahlkampf wie Kugelschreiber und Luftballons.

Man kann darüber spotten. Natürlich.

Man kann fragen, ob drei Euro für einen Döner schon politische Überzeugungsarbeit sind. Man kann darin Populismus sehen oder den Versuch, mit einem billigen Essen Aufmerksamkeit zu kaufen. Und selbstverständlich löst kein subventionierter Döner auch nur eines der strukturellen Probleme dieser Stadt.

Interessant wird die Geschichte erst beim zweiten Blick.

Denn Yasin Khalife, der die Aktion in seinem Kiez initiierte, passt ziemlich gut zu den Widersprüchen dieses Berlins.

Khalife ist 28 Jahre alt, in Berlin geboren und als jüngstes von sieben Kindern in Moabit aufgewachsen. Seine Eltern kamen in den 1970er-Jahren als palästinensische Kriegsgeflüchtete aus dem Libanon nach Berlin. Er besuchte zunächst eine Schule in einem sozialen Brennpunkt. Später machte er als Erster seiner Familie Abitur und studierte bei der Polizei. Seit 2023 arbeitet er als Polizeibeamter für das Land Berlin.

Heute kandidiert er auf Listenplatz eins der SPD Mitte für die Bezirksverordnetenversammlung. Dass er jüngst gemeinsam mit Krach am Dönerstand Wahlkampf machte, fand inzwischen sogar Eingang in die Berichterstattung über den Kampf ums Rathaus Mitte.

Seine politische Geschichte beginnt allerdings nicht am Dönerspieß.

Khalife engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich in seinem Bezirk. Im Frühjahr gehörte er beispielsweise zu den Initiatoren eines politischen Fastenbrechens in Moabit, zu dem rund 300 Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion zusammenkamen. Im Mittelpunkt standen dort gesellschaftlicher Zusammenhalt und der Dialog in einer Stadt, in der internationale Konflikte längst bis in die Nachbarschaften hineinwirken.

Auch seine politischen Themen sind breiter als die Drei-Euro-Aktion vermuten lässt.

Khalife verbindet Sicherheit mit sozialer Prävention. Er spricht über Ordnung und saubere Kieze ebenso wie über Gewaltprävention an Schulen, Jugendangebote und Bildungschancen. Aus seiner eigenen Biografie leitet er die Forderung ab, Kindern nicht aufgrund ihrer Herkunft weniger zuzutrauen. Sein Ziel: Bildungswege sollen nicht davon abhängen, in welchem Elternhaus oder welchem Kiez jemand aufwächst.

Das klingt für einen Polizisten vielleicht zunächst ungewöhnlich sozialpolitisch. Tatsächlich liegt darin eine interessante Perspektive: Sicherheit beginnt eben nicht erst dann, wenn ein Streifenwagen gerufen wird. Sie entsteht auch dort, wo Schulen funktionieren, Jugendliche Perspektiven haben und Nachbarschaften nicht sich selbst überlassen werden.

Auch beim Nahostkonflikt sucht Khalife einen schwierigen Mittelweg. Er möchte, dass palästinensische Berliner stärker gehört werden, und zugleich den Dialog zwischen palästinensischen, israelischen und jüdischen Menschen fördern. Internationale Konflikte, sagt er, würden nicht in Berlin-Mitte gelöst. Sehr wohl aber müsse eine Stadt wie Berlin Räume für Trauer, Betroffenheit und Austausch schaffen.

Dass das für ihn mehr als eine politische Formel ist, zeigt sein Engagement als Mitinitiator des Projekts „DialogRäume“. Das von der Lottostiftung mit 920.000 Euro geförderte Projekt schafft in Berlin Räume für Begegnung und Austausch zwischen palästinensischen, muslimischen, israelischen und jüdischen Betroffenen.

Damit landet man ziemlich schnell bei Themen, die komplizierter sind als der Preis eines Döners.

Und genau deshalb lohnt sich vielleicht ein etwas weniger spöttischer Blick auf solche Wahlkampfaktionen.

Politik hat inzwischen ein erhebliches Kontaktproblem. Viele Menschen erleben Politiker fast ausschließlich als kurze Videos, zugespitzte Posts oder Teilnehmer von Talkshows. Das Gespräch auf der Straße, die unmittelbare Begegnung, der Widerspruch ohne Kommentarfunktion – all das ist seltener geworden.

Ein Döner für drei Euro ersetzt keine politische Idee.

Aber wenn er dazu führt, dass Menschen stehen bleiben, miteinander reden und einem Kandidaten erklären, was sie in ihrem Kiez beschäftigt, dann ist die Sache zumindest interessanter als der Preis vermuten lässt.

Die eigentliche politische Arbeit beginnt ohnehin erst danach.

Bei der Frage, warum das Leben in Berlin für viele Menschen so teuer geworden ist. Warum Bildungschancen noch immer ungleich verteilt sind. Warum manche öffentlichen Räume als sicher und gepflegt erlebt werden und andere nicht. Wie Integration und Aufstieg gelingen. Und wie eine Stadt, in der Menschen mit sehr unterschiedlichen Geschichten zusammenleben, einen gemeinsamen gesellschaftlichen Boden bewahren kann.

Die Drei-Euro-Aktion in Moabit ist längst vorbei.

Der Döner kostet wieder, was er vorher gekostet hat.

Die Fragen dahinter sind geblieben.