Flughafen Tempelhof: Sanierung neu priorisiert
Der Flughafen Tempelhof bleibt für Berlin zugleich Baudenkmal, Veranstaltungsort, Arbeitsstätte und Unterkunft für Geflüchtete. Wie schwierig es ist, diese unterschiedlichen Aufgaben miteinander zu verbinden, zeigt der aktuelle Fortschrittsbericht zur Entwicklung des Flughafengebäudes. Der Senat nahm das Dokument am 11. August 2026 auf Vorlage von Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler zur Kenntnis. Nun wird es dem Abgeordnetenhaus vorgelegt. Der Bericht behandelt den Zeitraum von Juni 2025 bis Mai 2026 und beschreibt neben dem laufenden Betrieb vor allem den erheblichen Sanierungsbedarf sowie die weiteren Nutzungsperspektiven.
Ein Baudenkmal von europäischer Dimension
Mit einer Grundstücksfläche von 55 Hektar und etwa 300.000 Quadratmetern Geschossfläche gehört das frühere Flughafengebäude zu den größten Baudenkmälern Europas. Seine Größe ist dabei nur ein Teil der Herausforderung. Die über Jahrzehnte entstandenen baulichen Strukturen, die historische Bedeutung des Ortes und die Vielzahl unterschiedlicher Nutzungen machen die Entwicklung besonders komplex.
Das Gebäude wurde mehr als 80 Jahre lang ohne eine durchgängig einheitliche bau- und genehmigungsrechtliche Grundlage betrieben. Zahlreiche Bereiche dienten über lange Zeit als Provisorien. Eine umfassende, systematisch aufeinander abgestimmte Sanierung fand bislang nicht statt. Entsprechend groß ist der Investitionsstau.
Nach Angaben des Senats betrifft dieser vor allem die technische Infrastruktur, den Brandschutz, die Statik sowie Dach-, Beton- und Tragwerkskonstruktionen. Damit geht es nicht allein um eine zeitgemäße Modernisierung. Vorrangig müssen grundlegende Voraussetzungen geschaffen werden, damit das Gebäude sicher betrieben und langfristig überhaupt weitergenutzt werden kann.
Technische Infrastruktur erhält Vorrang
Wegen der begrenzten Mittel im Berliner Landeshaushalt hat der Aufsichtsrat der Tempelhof Projekt GmbH die Aufgaben neu priorisiert. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Sicherung der technischen und statischen Grundstrukturen sowie die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs. Umfangreiche neue Nutzungen können erst dann verlässlich geplant werden, wenn Stromversorgung, Wasser- und Abwassersysteme, Brandschutz und Tragwerk ausreichend ertüchtigt sind.
Das zentrale Vorhaben trägt den Namen „Technische Infrastruktur 2030“. Die Erneuerung der technischen Anlagen bildet nach Einschätzung der landeseigenen Gesellschaft das Rückgrat für alle weiteren Sanierungs- und Entwicklungsmaßnahmen. Parallel werden Dächer und Betondecken instand gesetzt, Teile des Stahltragwerks schrittweise ertüchtigt und brandschutztechnische Arbeiten vorgenommen.
Die Priorisierung bedeutet allerdings auch, dass die sichtbare Umgestaltung des Flughafengebäudes langsamer vorankommen dürfte, als es bei einem gewöhnlichen Immobilienprojekt der Fall wäre. Ein erheblicher Teil der Arbeit betrifft technische Anlagen und Bauteile, die für Besucher kaum wahrnehmbar sind. Für den dauerhaften Erhalt des Denkmals sind gerade diese Arbeiten jedoch entscheidend.
Entwicklungskonzept soll Nutzungen ordnen
Seit 2025 verfolgt die Tempelhof Projekt GmbH drei miteinander verbundene Planungsprozesse. Erarbeitet werden ein umfassendes Entwicklungskonzept, ein Profil für den Standort und darauf aufbauende Nutzungsleitlinien. Damit soll geklärt werden, welche Funktionen das Gebäude langfristig übernehmen kann und wie öffentliche, kulturelle sowie wirtschaftliche Interessen miteinander vereinbart werden können.
Das Land Berlin strebt eine wirtschaftlich tragfähige Nutzung an, will zugleich aber die besondere historische und gesellschaftliche Bedeutung des Ortes berücksichtigen. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld: Einnahmen aus Vermietung und Veranstaltungen können dazu beitragen, den Betrieb zu finanzieren. Gleichzeitig darf die Entwicklung nicht ausschließlich nach wirtschaftlichen Kriterien erfolgen, wenn der Standort weiterhin Raum für Kultur, Bildung, Erinnerung, soziale Aufgaben und öffentliche Zugänglichkeit bieten soll.
Zusätzliche Finanzierungs- und Kooperationsmodelle sollen deshalb schrittweise geprüft und aktiviert werden. Dabei betont das Land, seine Steuerungsfähigkeit bewahren zu wollen. Welche privaten oder institutionellen Partner künftig beteiligt werden könnten und wie die Aufgaben zwischen ihnen und dem Land verteilt würden, geht aus den bisher genannten Eckpunkten noch nicht hervor.
Unterkunft für Geflüchtete bleibt wichtige Aufgabe
Seit 2015 leistet der Standort einen wesentlichen Beitrag zur Unterbringung von Geflüchteten. Derzeit stehen am Flughafen Tempelhof bis 2028 rund 2.700 Plätze zur Verfügung. Diese Nutzung ist ein bedeutender Bestandteil der Berliner Unterbringungsstruktur und muss bei allen baulichen und betrieblichen Planungen berücksichtigt werden.
Für die Stadt ist das von besonderer Bedeutung, weil Berlin weiterhin ausreichend Plätze für neu ankommende und bereits untergebrachte Menschen bereitstellen muss. Der Standort Tempelhof bietet aufgrund seiner Dimension kurzfristig große Kapazitäten, ist aber zugleich kein klassisches Wohnquartier. Gemeinschaftsunterkünfte in einem früheren Flughafengebäude können regulären Wohnraum und eine langfristige Integration in Stadtteile nicht ersetzen.
Die parallele Nutzung als Unterkunft, Denkmal, Veranstaltungsort und Gewerbestandort erhöht zudem die Anforderungen an Sicherheit, Logistik und räumliche Trennung. Veranstaltungen mit vielen Gästen müssen so organisiert werden, dass die Belange der dort lebenden Menschen berücksichtigt werden. Umgekehrt beeinflusst die Unterbringung, welche Flächen zu welchem Zeitpunkt für Kultur, Gewerbe oder öffentliche Angebote verfügbar sind.
Mehr Besucher und zahlreiche Veranstaltungen
Trotz der baulichen Einschränkungen wurde der Flughafen Tempelhof im Berichtszeitraum weiter für die Öffentlichkeit geöffnet. Mehr als 2.200 Gebäudeführungen ermöglichten Einblicke in die Architektur und Geschichte des Komplexes. Formate wie „Sommer am THF“, „THF leuchtet“, „Winter am THF“ und „THFxSPEZIAL female edition“ ergänzten das Programm.
Im THF Tower eröffnete zudem die Ausstellung „Lufthansa. Berlin Tempelhof 1926–1945. Zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt“. Insgesamt verzeichneten die genannten Angebote 2025 nach Angaben der Verantwortlichen mehr als 125.000 Gäste. Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht.
Auch das Geschäft mit großen Veranstaltungen spielte eine wichtige Rolle. Zu den sportlichen Formaten gehörten die Formula E, die Fahrradmesse Velo und der Fitnesswettkampf Hyrox. Im kulturellen Bereich fanden unter anderem die Positions Art Fair, die Produktion „Jesus Christ Superstar“ der Komischen Oper Berlin im Hangar 4 und die Nova Music Festival Exhibition statt.
Diese Mischung verdeutlicht, welches Potenzial die weitläufigen Hallen und Außenflächen besitzen. Nur wenige Orte in Berlin können ähnlich große Veranstaltungen aufnehmen. Für Kulturveranstalter, Messeanbieter und Sportformate ist Tempelhof deshalb ein wichtiger Standort. Gleichzeitig entstehen durch die Vermietung Einnahmen, die zumindest einen Teil zum Betrieb und zur Belebung des Areals beitragen können.
Temporäre Nutzungen als pragmatische Lösung
Um weitere Einnahmen zu erzielen, sollen bislang ungenutzte Flächen schrittweise reaktiviert werden. Der Schwerpunkt liegt auf zeitlich begrenzten und genehmigungsfähigen Nutzungen, die nur geringe bauliche Eingriffe erfordern. Dieses Vorgehen ist angesichts des Sanierungsstaus nachvollziehbar: Dauerhafte Einbauten wären in vielen Bereichen erst nach einer grundlegenden technischen Erneuerung sinnvoll.
Temporäre Nutzungen können verhindern, dass große Gebäudeteile über Jahre leer stehen. Sie bieten außerdem die Möglichkeit, unterschiedliche Konzepte in der Praxis zu erproben. Denkbar sind kulturelle Projekte, Ausstellungen, Veranstaltungen, kreative Arbeitsräume oder gewerbliche Zwischennutzungen. Welche Angebote tatsächlich umgesetzt werden, hängt jedoch von Genehmigungen, Sicherheitsanforderungen und dem Zustand der jeweiligen Flächen ab.
Für kleinere Initiativen bleibt entscheidend, ob die Konditionen bezahlbar und die Vergabeverfahren zugänglich sind. Der wirtschaftliche Druck, Einnahmen zu erzielen, kann mit dem Ziel kollidieren, auch gemeinwohlorientierte und nicht kommerzielle Projekte am Standort zu ermöglichen. Die angekündigten Nutzungsleitlinien werden deshalb auch daran zu messen sein, wie ausgewogen sie diese Interessen berücksichtigen.
Was der Fortschrittsbericht für Berlin bedeutet
Der Bericht macht deutlich, dass die Entwicklung des Flughafengebäudes eine langfristige Aufgabe bleibt. Eine schnelle Gesamtsanierung zeichnet sich angesichts der technischen Komplexität und der angespannten Haushaltslage nicht ab. Stattdessen verfolgt das Land einen schrittweisen Ansatz: Zuerst sollen Betrieb und Gebäudesubstanz gesichert werden, danach können weitere Bereiche dauerhaft entwickelt werden.
Für Berlinerinnen und Berliner hat diese Strategie mehrere Konsequenzen. Der Standort bleibt zwar zugänglich und wird weiterhin für Veranstaltungen genutzt, größere Teile dürften jedoch noch lange nicht vollständig erschlossen sein. Zugleich bindet die Sicherung eines derart großen Baudenkmals erhebliche öffentliche Mittel und personelle Ressourcen. Das Abgeordnetenhaus wird daher nicht nur über einzelne Baumaßnahmen, sondern auch über Prioritäten im Landeshaushalt diskutieren müssen.
Der Flughafen Tempelhof ist dabei mehr als eine Immobilie. Seine Geschichte reicht von der frühen zivilen Luftfahrt über die nationalsozialistische Architektur und Zwangsarbeit bis zur Luftbrücke und zur späteren Nutzung als innerstädtischer Flughafen. Diese historischen Ebenen verpflichten Berlin zu einem sensiblen Umgang mit dem Gebäude. Neue Nutzungen müssen deshalb sowohl den Denkmalschutz als auch eine kritische Vermittlung der Geschichte berücksichtigen.
Nicht zu verwechseln ist die Entwicklung des Gebäudekomplexes mit der Zukunft des angrenzenden Tempelhofer Feldes. Zwar sind beide räumlich und funktional eng miteinander verbunden, für die Freifläche gelten jedoch eigene politische und rechtliche Rahmenbedingungen. Der aktuelle Fortschrittsbericht konzentriert sich auf das Flughafengebäude und das unmittelbar zugehörige Areal.
Viele Aufgaben, aber noch kein fertiges Gesamtbild
Der Fortschrittsbericht zeigt konkrete Arbeiten und eine strategische Neuordnung, liefert aber noch kein abschließendes Bild des künftigen Flughafens Tempelhof. Offen bleibt insbesondere, wie die langfristige Finanzierung aussehen soll, welche dauerhaften Nutzungen sich durchsetzen und in welchem Umfang öffentliche Flächen entstehen können.
Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, ob es Berlin gelingt, den technischen Substanzerhalt mit einer schrittweisen Öffnung zu verbinden. Ebenso wichtig ist eine nachvollziehbare politische Debatte über Kosten, Prioritäten und Beteiligungsmöglichkeiten. Das Gebäude kann nicht allein durch Großveranstaltungen wirtschaftlich und gesellschaftlich getragen werden. Umgekehrt lässt sich ein Komplex dieser Größe auch nicht dauerhaft ohne Einnahmen betreiben.
Tempelhof bleibt damit ein Berliner Schlüsselprojekt, dessen Bedeutung weit über den Bezirk hinausreicht. Der Standort vereint Baugeschichte, Erinnerungskultur, soziale Verantwortung, Kulturwirtschaft und Stadtentwicklung auf engem Raum. Der aktuelle Bericht dokumentiert Fortschritte, macht aber zugleich deutlich, dass die entscheidenden Fragen zur langfristigen Nutzung und Finanzierung weiterhin beantwortet werden müssen.
