Olympia 2036? Berlin setzt auf Bürgerbeteiligung
Mit einer Abschlussveranstaltung im THF Tower auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof ist die erste Beteiligungsphase der Berliner Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele zu Ende gegangen. Unter dem Titel „Forum BERLIN+ | Vom Dialog zur Bewerbung“ zogen Bürgermeister Stefan Evers und der Olympiabeauftragte des Senats, Kaweh Niroomand, gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Sport, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Stadtgesellschaft eine erste Bilanz. Im Mittelpunkt stand dabei weniger das klassische Werben für ein internationales Großereignis, sondern der Anspruch, die Bewerbung gemeinsam mit der Stadtgesellschaft zu entwickeln.
Beteiligung als politisches Signal
Berlin setzt im nationalen Auswahlverfahren für eine deutsche Olympiabewerbung bewusst auf ein besonderes Verfahren: Die Bewerbung soll nicht allein aus der Verwaltung oder aus Sportverbänden heraus formuliert werden, sondern unter aktiver Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern entstehen. In mehreren Dialogformaten wurden Erwartungen, Kritik, Vorschläge und Leitlinien diskutiert – von Nachhaltigkeit über Mobilität bis hin zu Inklusion und Transparenz.
Nach Angaben der Senatskanzlei war dabei die zentrale Frage nicht, ob die Spiele stattfinden sollen, sondern wie sie aussehen müssten, um zu Berlin zu passen. Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel, insbesondere vor dem Hintergrund gescheiterter Bewerbungen in anderen deutschen Städten, bei denen Bürgerentscheide Olympiapläne zu Fall brachten. Berlin reagiert damit offenbar auf die Erfahrungen aus Hamburg und München und versucht, Akzeptanz frühzeitig strukturell zu verankern.
Die „Bürgercharta für Olympia“ als Kernstück
Zentrales Ergebnis des bisherigen Austauschs ist eine „Bürgercharta für Olympia“. Sie formuliert Leitgedanken und Anforderungen, die in das Feinkonzept der Bewerbung integriert wurden. Drei übergeordnete Ziele stehen im Mittelpunkt:
Erstens sollen die Spiele eine konkrete Chance für die Stadtentwicklung darstellen. Damit ist ausdrücklich gemeint, dass Investitionen nicht kurzfristig verpuffen, sondern langfristige Verbesserungen für Berlin bringen – etwa bei Infrastruktur, Sportstätten oder öffentlichen Räumen.
Zweitens wird eine soziale und ökologische Verträglichkeit eingefordert. Dazu zählen nachhaltige Bau- und Mobilitätskonzepte ebenso wie die Sicherung bezahlbaren Wohnraums. Gerade in einer Stadt, in der steigende Mieten und Flächenkonkurrenzen zu den drängendsten Problemen gehören, ist dieser Punkt politisch sensibel.
Drittens betont die Charta hohe Anforderungen an Transparenz, Beteiligung und Umsetzung. Entscheidungsprozesse sollen nachvollziehbar sein, Planungen offen kommuniziert werden. Damit greift der Senat ein zentrales Bedürfnis vieler Berlinerinnen und Berliner auf: das Verlangen nach frühzeitiger Einbindung und klaren Informationen bei Großprojekten.
Über 90 Prozent der Sportstätten vorhanden
Ein wichtiges Argument der Befürworter: Berlin verfügt bereits heute über mehr als 90 Prozent der benötigten Sport- und Veranstaltungsstätten. Das Olympiastadion, die Max-Schmeling-Halle, die Mercedes-Benz Arena, das Velodrom oder das Gelände in Grünau sind etablierte Austragungsorte internationaler Wettbewerbe. Hinzu kommen temporäre Lösungen, etwa auf dem Tempelhofer Feld.
Für die Stadt wäre das ein struktureller Vorteil gegenüber früheren Olympiastandorten, die milliardenschwere Neubauten errichten mussten. Die Erfahrung anderer Spiele zeigt, dass Investitionen schnell Größenordnungen von mehreren Milliarden Euro erreichen können. Los Angeles 2028 beispielsweise kalkuliert mit umgerechnet mehr als sechs Milliarden Euro, Paris 2024 lag bei rund acht Milliarden Euro im öffentlichen und privaten Mix. Ob und in welcher Höhe Berlin vergleichbare Mittel mobilisieren müsste, wird eine entscheidende Frage der nächsten Phase sein.
Stadtentwicklung zwischen Chance und Risiko
Für Berlin ist die Bewerbung mehr als ein sportpolitisches Projekt. Sie ist auch ein Instrument strategischer Stadtentwicklung. Große Infrastrukturmaßnahmen – etwa im Bereich Verkehr, Digitalisierung oder Barrierefreiheit – könnten durch den Zeitdruck und die internationale Aufmerksamkeit beschleunigt werden. Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass Olympische und Paralympische Spiele als Katalysator für Modernisierung wirken können.
Gleichzeitig bergen sie Risiken. Steigende Baukosten, Verzögerungen und Nutzungskonzepte ohne tragfähige Nachnutzung haben in der Vergangenheit vielerorts Kritik ausgelöst. Die ausdrückliche Verankerung von Nachhaltigkeit und Nachnutzung in der Berliner Bürgercharta ist daher nicht nur symbolisch, sondern wirtschaftlich relevant. Für die Hauptstadt, deren Haushaltsspielräume begrenzt sind, wäre eine solide Finanzplanung entscheidend.
Bedeutung für Sport, Wirtschaft und Image
Sollte Berlin den Zuschlag im internationalen Wettbewerb erhalten, wären die Auswirkungen weitreichend. Olympische und Paralympische Spiele gelten als eines der größten globalen Medienereignisse. Für Berlin könnte dies eine nachhaltige Imagewirkung entfalten – als weltoffene, diverse Metropole mit starker Sportkultur.
Auch wirtschaftlich wären Impulse zu erwarten: Tourismus, Hotellerie, Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft und Bauwirtschaft würden profitieren. Kurzfristige Beschäftigungseffekte könnten spürbar sein, langfristige Effekte hängen jedoch stark von der strategischen Einbindung in bestehende Entwicklungspläne ab.
Für den Breitensport in den Bezirken könnte eine erfolgreiche Bewerbung zusätzliche Investitionen in Sportanlagen bedeuten. Gerade in wachsenden Kiezen mit steigenden Mitgliederzahlen kämpfen viele Vereine mit knappen Hallenzeiten und sanierungsbedürftigen Anlagen.
Der lange Weg zur internationalen Entscheidung
Mit dem Abschluss der ersten Beteiligungsphase ist die Bewerbung nicht abgeschlossen – im Gegenteil. Nun beginnt der internationale Prozess, in dem sich BERLIN+ gegen andere Kandidaten durchsetzen müsste. Die kontinuierliche Einbindung der Stadtgesellschaft soll dabei fortgeführt werden.
Für die Berlinerinnen und Berliner bleibt entscheidend, ob die formulierten Leitgedanken tatsächlich Maßstab des weiteren Handelns bleiben. Die frühe Beteiligung setzt hohe Erwartungen. Wenn Transparenz, soziale Verträglichkeit und ökologische Standards eingehalten werden, könnte die Bewerbung ein neues Kapitel partizipativer Stadtentwicklung aufschlagen. Scheitert dieser Anspruch, droht Vertrauensverlust. Die kommenden Monate werden zeigen, ob BERLIN+ nicht nur sportpolitisch, sondern auch gesellschaftlich ein tragfähiges Zukunftsprojekt für die Hauptstadt werden kann.
